Heinrich Krobbach und Bücher
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Hallo und herzlich willkommen auf meiner Webseite!

Hier gibt es mich zu sehen und zu lesen.

Für Literaturliebhaber/innen meine Rezensionen gelesener Bücher. Über viele und nette Kommentare freue ich mich.
Rechts übrigens die neuesten Rezensionen.

Wer sich wundert, dass neuerdings so viele Krimis auftauchen. Seit dem Superstart der VHS-Lesungen "Tod im Turm" bekomme ich massenhaft Empfehlungen - ich bin sozusagen fast im Krimi-Lese-Stress. Aber es gibt auch immer wieder unblutige Literatur.

Ich suche natürlich auch Gäste für meine Ferienwohnung am schönen Traunsee (Österreich, Salzkammergut).

Viel Spaß beim Surfen
Heinrich Krobbach

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Tom Coraghessan Boyle

Tom Coraghessan Boyle: Die Terranauten

Kann man die Erde, falls sie unbewohnbar wird, in einem geschlossenen Öko-System (ggf. auch auf anderen Planeten) nachbauen? Diese Frage will eine spendenfinanzierte Firma in 50 jeweils 2jährigen Testphasen klären. In einer riesigen Kuppel wird eine – von der Außenwelt abgeschlossenen – Welt mit Regenwald, Wüste, Meer, ausgewählten Tieren und Pflanzen sowie Wohnungen für 8 Testpersonen gebaut. Die sorgfältig nach Qualifikation (und wohl auch Publicity-Wirksamkeit) ausgewählten 4 Männer und 4 Frauen sind verantwortlich für die Funktion dieses Systems (Nahrungsproduktion, Regulierung der Systeme usw.). Die Geschichte der Auswahl, des Einzugs (des „Einschlusses“) in „Ecosphere 1“, des Lebens darin und der Begleitung durch die Crew außerhalb wird von drei Beteiligten in wechselnden Kapiteln des Romans geschildert. Von Linda Ryu, die nicht für die innere Crew ausgewählt wurde sowie von Dawn Chapman und Ramsey Roothoorp, die zur inneren Crew gehören, sich verlieben und ein Kind bekommen werden, was die Mission auf eine schwere Probe stellt.

Liest sich erstmal wie eine spannende Sache, zeigt aber weit vor dem Ende der über 600 Seiten starke Ermüdungserscheinungen. Das liegt einerseits an der eher willkürlichen und unglaubwürdigen Beschaffenheit dieser künstlichen Welt, deren Bewohner andauernd unter Nahrungsknappheit leiden und in höchste Gefahr geraten, als eine Schlechtwetterperiode in der Außenwelt den Sauerstoffgehalt der Luft in der Glaskuppel sinken lässt. Eine eher dilettantische als ernsthafte wissenschaftlich geplante Konstruktion. Völlig absurd wird es, als (wegen Netzausfall in der Region) der Strom ausfällt und der Test fast abgebrochen werden muss. Der Strom kommt also von außen – für ein Experiment eines autarken Ökosystems, das auch auf andren Planeten funktionieren soll???? Welch eine zusammenfantasierte Geschichte.

Es kommt noch schlimmer. Die durchweg Mitte 20 bis 40jährigen Figuren benehmen sich, als wären sie pubertierende Kinder (von der eher schlimmeren Sorte) oder ziemlich gestörte Persönlichkeiten. Narzissmus, Eigennutz, Intrige, Beleidigtsein, Konkurrenz, null Empathie, Beschönigen eigener Niedertracht. Intellektuell und emotional sind (fast) alle flach wie ein Brett und in ihrer Persönlichkeit flatterndes Dünnpapier. Und so sind auch die Dialoge. Das alles kann man wie die Süddeutsche Zeitung als „bitterböse Satire“ bezeichnen. Wenn sich aber die Satire auch (Buch-)Wirklichkeit entpuppt, ist es einfach nur Lesehorror.

Land: USA
Genre: Roman
Verlag: Carl Hanser, München
Jahr: 2017
Seiten: 608
Rezension von HK am 20.11.2017

Ralf Schwob

Ralf Schwob: Holbeinsteg

Die junge Slawistin Larissa Winterkorn arbeitet bei einer dubiosen Arbeitsvermittlung, die Frauen aus Rumänien in deutsche (Billiglohn-)Arbeitsplätze vermittelt. Auf einer Fahrt nach Rumänien trifft sie dort auf eine alte Frau, die ihre Tochter Elena vermisst. Larissa recherchiert in Deutschland und findet die Firma in Büttelborn, wo Elena gearbeitet hat – doch sie ist spurlos verschwunden. Aber sie bekommt heraus, dass der fiese Wachmann dieser Firma, Manfred Kowalski, mit Elenas Schwester Gaby verheiratet ist und in Frankfurt-Sachsenhausen wohnt. Dort betreibt er mit Gaby ein illegales lukratives Geschäft – Treffpunkt Holbeinsteg. Dann läuft einiges aus dem Ruder und man weiß nicht, wer aus dem chaotischen Finale lebend rauskommt.

Parallelhandlung: Heiner Schultes lebt noch dem Tod seiner geliebten Anna zurückgezogen in seinem Reihenhaus in Groß-Gerau. Nur sein Hund Rosi hält ihn davon ab, sich aus Lebensüberdruss eine Kugel in den Kopf zu schießen. Neben ihm wohnt Ingo Bäumler, ein psychisch kranker ehemaliger Lehrer, der nach nie bewiesenen Vergewaltigungsvorwürfen vom Schuldienst suspendiert wurde. Nachdem Heiner beherzt eingreift, als Ingo von Unbekannten überfallen wird, nähern sich die beiden Männer an – und verschaffen sich gegenseitig Lebensmut.

Erst auf Seite 268 (von 327) verknüpfen sich beide Handlungsstränge, und das eher zufällig. Damit wird Heiner hineingestolperter Beteiligter des Finales. Am Ende wird alles gut. Immerhin der Teil mit Heiner und Ingo ist recht empathisch beschrieben. Für Einheimische sind natürlich die vielen Detailbeschreibungen von Groß-Gerau und Umland nett zu lesen. Von einer Krimihandlung ist allerdings nur eingeschränkt was zu finden.

Land: Deutschland
Genre: Krimi
Verlag: Societät, Frankfurt
Jahr: 2017
Seiten: 327
Rezension von HK am 13.11.2017

Udo Scheu

Udo Scheu: Myliusstrasse

Zwei Männer werden durch eine Überdosis KO-Tropfen getötet. Der knorrige Kommissar Schreiner findet lange keinen Zusammenhang. Der erste Tote führt zu Toni Assmann, Kellner in der Bar, vor der das Opfer zusammenbrach. Um Toni Assmann, der gerade seine Geschlechtsumwandlung zur Frau vollzieht, gruppieren sich eine Reihe schillernder Gestalten. Da ist der ehemalige Callboy Bernie, inzwischen erfolgreicher Wirtschaftsjurist. Die mittelmäßige Pianistin Stella Engholm, die sich für eine Reinkarnation von Clara Schumann hält. Stellas Jugendliebe Uli Landau, der sie sitzengelassen hat und nun in Südamerika mit Frauen-, Waffen- und Drogenhandel sein Geld verdient. Und Alex Wohlrabe, der alle – sie waren vor 25 Jahren in einer Abitursklasse der Frankfurter Ziehenschule – zum Klassentreffen eingeladen hat.

Bei der damaligen Abschlussfeier entwickelte sich eine Schlägerei, während der Uli Landau die Hand von Toni Assmann so mit den Füßen malträtierte, dass dessen voraussehbar glänzende Karriere als Pianist „zertreten“ war. Liegt hier die Wurzel der Verbrechen? Kommissar Schreiner muss – mit tatkräftiger Unterstützung des investigativen Journalisten Dennis Hauschild viele vergangene Geschichten und aktuelle Verhältnisse erleuchten und zusammenkombinieren, bis er auf die richtige Spur kommt bzw. im Finale beim Klassentreffen die Spur zu ihm.

Eine opulente Besetzung mit einer solchen Anzahl illustrer Gestalten – nicht nur die oben genannten Klassenkameraden, auch weitere Figuren wie Stellas Tochter Melanie sowie Kommissar Schreiner selbst und sein Staatsanwalt Schultz, die sich gerne freundschaftlich kabbeln, bringen mit ihren impulsiven Persönlichkeiten Bewegung in die Dialoge und ins gesamte Stück. Dass es auch noch ein spannender Krimi ist, macht das I-Tüpfelchen aus.

Land: Deutschland
Genre: Krimi
Verlag: Societät, Frankfurt
Jahr: 2017
Seiten: 220
Rezension von HK am 12.11.2017

Thorsten Jäger

Thorsten Jäger: Unser aller Erbe

Kommissar Kelchbrunner will für seinen Goldfisch einen Teich graben und stößt auf ein Skelett. Die Gerichtsmedizin stellt jedoch schnell fest, dass es sich um eine Frau handelt, die bei einer mittelalterlichen Pestepidemie ums Leben gekommen ist. Ernster wird es, als kurz darauf in Nackenheim eine Frau isländischer Herkunft mit einem Ast erschlagen wird. Kelchbrunner und seine Kollegin Juvanic ermitteln in alle Richtungen, doch sowohl der verdächtige Immobilienhai Wagner als auch der exzentrische Aussteiger Krause haben Alibis. Erst als Kelchbrunner von seinem Vorgesetzten auf eine Dienstreise nach Island geschickt wird, gerät er auf die richtige Spur – und in höchste Gefahr.

Es geht um Grundstücksspekulation und Industrieinteressen gegen Umweltschutz. Das verdienstvolle Thema der Krimis von Torsten Jäger. Recht witzig ist zu diesem Thema die eingestreute Nebenhandlung, in der Kelchbrunner einen jugendlichen Sprayer für den Kampf um die Erhaltung eines Baumes instrumentalisiert. Sprachlich schon flüssiger als das Erstlingswerk (Todes-Mais), die Dialoge könnten dennoch griffiger werden. In sympathisches Kommissarsduo mit Herz für Mensch, Tier und Umwelt, die sich am Schluss sogar kriegen. Spannend ist er auf alle Fälle.

Land: Deutschland
Genre: Krimi
Verlag: Schardt, Oldenburg
Jahr: 2017
Seiten: 218
Rezension von HK am 10.11.2017

Jan Seghers

Jan Seghers: Menschenfischer

Zwei mit Maschinenpistolen bewaffnete Männer richten im Restaurant Wintergarten im Frankfurter Bankenviertel ein Blutbad an. Da dort später der US-Präsident auftreten sollte und US-Sicherheitsbeamte unter den Opfern sind, reißt das FBI die Ermittlungen an sich.

Kommissar Marthaler erhält einen Anruf des schon langen pensionierten Kollegen Rudi Ferres aus Marseillan (Südfrankreich), der neue Spuren im Fall des vor 15 Jahren im Frankfurter Gallusviertel grausam ermordeten 13jährigen Tobias gefunden haben will. Marthaler fährt nach Marseillan, erfährt von Ferres, dass damals ein von Zeugen mehrfach erwähnter „Zopf-Mann“ übersehen wurde und übernimmt dessen gesammelte Akten – und wird fast von einem Unbekannten erschlagen. Zurück in Frankfurt, zieht er sich zunächst den Unmut aller Kollegen zu. Die Amerikaner haben inzwischen festgestellt, dass der Anschlag im Wintergarten nicht ihnen galt, die Ermittlungen eingestellt und alles der Frankfurter Mordkommission überlassen. Angesichts der Überlastung gibt es wenig Verständnis, dass Marthaler – statt zu helfen – in einem alten („kalten“) Fall wühlt.

Dann werden in einem Bergstollen in der Nähe der Loreley die verstümmelten Leichen zweier Roma-Jungen gefunden. Die exzentrische Kommissarin Kizzy Winterstein vom Polizeipräsidium Westhessen erhält bei ihren Ermittlungen einen Hinweis auf eine alte Hütte bei der Gemeinde Ransel (in der Nähe von Lorch) – und trifft dort auf Marthaler, der seine Spur verfolgt. Schnell erkennen sie, dass die Fälle zusammenhängen. Erst viel später stoßen sie darauf, dass sie in den monströsen Abgrund gewissenloser Menschenhändler blicken.

Das sind nur die Hauptelemente der auf über 400 Seiten ausgebreiteten Handlung und nur eine Andeutung, welche Vielzahl von – sehr langen – Fäden Jan Seghers ausgelegt und am Ende genial miteinander verknüpft. Schon das ein Meisterwerk der Krimitechnik. Ebenso die – in naturalistischer Einprägsamkeit - lebendige und sinnliche Entwicklung der handelnden Figuren (weniger der vielen Polizeibeamt/inn/en, aber z.B. von Louise Manderscheid, Kizzy Winterstein und natürlich Robert Marthaler).

Wobei die sexuellen Einstellungen (Louise – von der freien Liebe in der Kommune zum bezahlten Lover-Boy, Kizzy und die Polyamorie) sehr ausführlich beschrieben werden. Marthaler erscheint demgegenüber (trotz des nächtlichen Beischlafs mit Kizzy) in dieser Beziehung eher konservativ. Trennt sich doch seine Freundin Tereza endgültig von ihm, auch weil ihr ein Stück „Leidenschaft“ fehlte. Obwohl es in vielen seiner Begegnungen (z.B. mit Henriette Fendel) knistert, bleibt seine Erscheinung erotisch stumpf. Und rundherum nun Beschreibungen von Swinger-Stränden in Südfrankreich, Sex-Camps mit Pädophilen, Straßenstrich mit noch Fast-Kindern und schließlich diese Menschenhändler. Hier werden Grenzen zwischen (sexueller) Freiheit und Missbrauch ausgelotet, aber auch aufgezeigt. „Menschenfischer“ sind nicht immer die Guten.

Kurz noch die Kritik am „Ende“ des Ex-Polizisten Rudi Ferres, das erstens unnötig ist und zweitens allzu sentimental daherkommt. Aber eine Kleinigkeit angesichts dieser barocken Erzählung, die den Leser in den Bann zieht (habe eineinhalb Tage am Stück gelesen) und Spannung pur verspricht.

Land: Deutschland
Genre: Krimi
Verlag: Kindler, Reinbek
Jahr: 2017
Seiten: 432
Rezension von HK am 05.11.2017