Heinrich Krobbach und Bücher
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Hallo und herzlich willkommen auf meiner Webseite!

Hier gibt es mich zu sehen und zu lesen.

Für Literaturliebhaber/innen meine Rezensionen gelesener Bücher. Über viele und nette Kommentare freue ich mich.
Rechts übrigens die neuesten Rezensionen.

Wer sich wundert, dass neuerdings so viele Krimis auftauchen. Seit dem Superstart der VHS-Lesungen "Tod im Turm" bekomme ich massenhaft Empfehlungen - ich bin sozusagen fast im Krimi-Lese-Stress. Aber es gibt auch immer wieder unblutige Literatur.

Ich suche natürlich auch Gäste für meine Ferienwohnung am schönen Traunsee (Österreich, Salzkammergut).

Viel Spaß beim Surfen
Heinrich Krobbach

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Jan Zweyer

Jan Zweyer: Franzosenliebchen

Historischer Hintergrund ist die Besetzung des Ruhrgebiets durch französische Truppen im Jahr 1923. Die junge Hausangestellte Agnes Treppmann fährt abends von ihrer Arbeit in Herne zurück in ihr Dorf Sodringen, kommt jedoch nie zu Hause an. Ein von den Eltern mobilisierter Suchtrupp findet sie ermordet im Keller eines zerstörten Hauses. Sehr schnell geraten zwei französische Soldaten, die in der Nähe gesehen wurden, in Verdacht. Doch die französischen Besatzer ziehen den Fall an sich – die beiden werden recht schnell von einem Militärgericht freigesprochen. Nun wird aus Berlin der Polizist Peter Goldstein ins Ruhrgebiet geschickt und soll verdeckt Beweise für die Schuld der Soldaten ermitteln. Tatsächlich ist alles nicht so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Vor allem aber gerät Goldstein zwischen alle Fronten zwischen Besatzern und Widerstand und muss mehrfach um sein Leben fürchten, bis er die Wahrheit herausfinden kann.

Rundum wird das Buch dem Anspruch an einen „historischen Kriminalroman“ gerecht. Sehr instruktiv werden ebenso Gewalt und Unterdrückung durch die Besatzer wie auch der Widerstand der Bevölkerung geschildert. Wobei Letzterer keineswegs einheitlich ist, was die Kontroversen zwischen Kommunisten und Nationalisten und jene zwischen gewaltfreien und gewaltbereiten zeigen. Auch Gut und Böse sind nicht immer eindeutig auf einer Seite. Skrupellose (deutsche) Geschäftsmacher bringen ihre Schäfchen ins Trockene, während – wie halt fast immer in der Geschichte – die einfachen Leute leiden. Zwischen all diesen Handlungssträngen bleibt jedoch immer der rote Faden des Krimis klar erkennbar und sorgt für die nötige Spannung. Vor allem gelingt es dem Autor mit präzisen Worten und Szenen, den Leser in die damalige Zeit der Kohleöfen, Waschküchen, Rübenkraut, Muckefuck und natürlich Kohlestaub hineinzuversetzen. Hat Spaß gemacht.

Land: Deutschland
Genre: Krimi
Verlag: grafit, Dortmund
Jahr: 2007
Seiten: 348
Rezension von HK am 09.12.2018

Viola Haas

Viola Haas: Elektro-Schock

In Frankfurt ist die IAA, und im Groß-Gerauer Hotel Adler sind sowohl die Vertreter von PSA/Opel als auch jene des amerikanischen Elektroauto-Herstellers Alva, der einen Produktionsstandort in Groß-Gerau-Wallerstädten plant, untergebracht. Alva-Manager Maxim Wills verunglückt tödlich auf der Fahrt nach Frankfurt – sein Hightech-Wagen rast zwischen Groß-Gerau und Mörfelden gegen einen Baum. Dass es weder Bremsspuren gibt noch der Airbag ausgelöst wurde, weckt das Misstrauen von Oberkommissarin Johanna (Joe) Kramer von der Polizeistation Groß-Gerau, und sie überzeugt ihren Vorgesetzten, eine genauere Untersuchung des Wagens durch die Kripo Rüsselsheim zu veranlassen. Und tatsächlich – der Wagen wurde manipuliert. Der Rüsselsheimer Kriminalhauptkommissar Frank Ulrich Nachtwey weiß das Gespür der jungen Kollegin zu schätzen und beteiligt Joe an den Ermittlungen – ihr Traum, zur Kripo zu wechseln, wird beflügelt.

Doch zuvor gibt es, eine Menge Spuren zu verfolgen und Motive zu klären. Einige bizarre Aktivisten der Bürgerinitiative gegen den Bau der Autofabrik könnten ebenso ein Motiv haben wie auch die Konkurrenz in Rüsselsheim. Oder geht es um persönliche Verwicklungen? Welche Rolle spielt die bildhübsche PSA-Marketingfrau Jeanne Cassel, die mit Maxim die Nacht vor seinem Tod verbracht hat. Aber was ist mit dem schrägen Drohnenbauer Horst Schadt (direkt beim Unfall hat ein Zeuge eine Drohne gesehen)?

Die Autor/inn/en legen geschickt zahlreiche Spuren aus und bringen die Polizei bei den umfangreichen Ermittlungen gehörig ins Schwitzen. Schließlich sind es die Kombinationsgabe und Intuition von Joe Kramer, die den Durchbruch bringen und auch weiteren Schaden für Leib und Leben abwenden. Hier liegt auch das Besondere dieses Krimis. Mit Joe Kramer wurde eine sympathische und kluge Kommissarin erschaffen, die ihre Ziele ebenso wie ihre Zweifel hat, die ebenso selbstbewusst wie lernend sein kann – sowohl beruflich als auch in der Beziehung mit ihrer Freundin Simone – eine echt starke Figur. Man wünscht sich weitere Fälle für Joe Kramer. Und natürlich produziert der Krimi für Groß-Gerauer jede Menge lebendiger Bilder – die B44, das Hotel Adler, das Wallerstädter Gasthaus „Zum Löwen“, die Fasanerie und Schloss Dornberg. Und das Bemerkenswerte – dieser spannende Krimi hat 20 Mütter und Väter – eine Schreibwerkstatt der Kreisvolkshochschule Groß-Gerau, die in nur gut einem Jahr unter Anleitung der erfahrenen Autoren Gerd Fischer und Marc Rybicki dieses Erstlingswerk von „Viola Haas“ (steht für VHS) hervorgebracht hat. Unbedingt lesen!

Land: Deutschland
Genre: Krimi
Verlag: mainbook, Frankfurt
Jahr: 2018
Seiten: 207
Rezension von HK am 09.12.2018

Hans Pleschinski

Hans Pleschinski: Wiesenstein

Gerhart Hauptmann muss wegen der Bombenangriffe im März 1945 sein Sanatorium in Dresden verlassen und flüchtet sich mit seiner Frau Margarete, der Sekretärin Annie Pollak und dem Masseur Paul Metzkow in seine Villa Wiesenstein im Riesengebirge. Einige enge Bekannte aus der Umgebung von Agnetendorf kommen noch hinzu. Dort erleben sie – gemeinsam mit den Hausangestellten – das Ende des 2. Weltkriegs, die Auflösung der Nazi-Herrschaft, die mörderische Rache der Sieger, Chaos, Plünderungen, das Aussetzen jeglicher Ordnung, die Übernahme der öffentlichen Gewalt durch die Sowjetarmee und schließlich durch die polnischen Autoritäten. Jedoch bleiben die Bewohner/innen der trutzigen Villa weitgehend unbehelligt von diesen Bedrohungen – geschützt durch die Berühmtheit des Literatur-Nobelpreisträgers, der durch Werke wie „Die Weber“ auch bei den Sowjets hohe Anerkennung besitzt.

Von außen betrachtet erscheint dieser Kosmos eigentümlich irreal. Mitten in den Schrecken des Krieges wird aus Hauptmanns Werken rezitiert, werden Filmabende veranstaltet und Hauptmann selbst arbeitet – obwohl schwerkrank – weiterhin an seinem letzten Werk. Die Vorräte an Lebensmittel – ergänzt durch Lieferungen umliegender Bauern, die sich wiederum von der Anwesenheit Hauptmanns einen gewissen Schutz erhoffen – bewahren die Gesellschaft in der Villa vor dem gröbsten Hunger. Selbst ein Gärtner Dorn und ein uniformierter Hausdiener Pietsch setzen unbeirrt ihre Arbeit fort. Doch über allem steht der Zweifel, wie lange dies noch geht und wieviel offizielle Schutzbriefe zukünftig wert sind. Und schließlich beginnt auch die Deportation der deutschen Bevölkerung aus den nun polnischen Gebieten.

Durch viele in der Villa geführte Gespräche und gedankliche Reisen Hauptmanns wird dieser Roman auch zu einer Biografie des Schriftstellers. Die Erinnerungen an seine Werke und zahlreiche Zitate fügen ein Stück Werkgeschichte hinzu. Schon das macht dieses flüssig und klar geschriebene Buch schon lesenswert. Hinzu kommt die sehr realistische und einprägende Schilderung der Ereignisse und der Schicksale der Menschen in den grausamen Endkriegswirren. Wer diesen grandiosen Roman liest, will nie wieder Krieg.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: C.H. Beck, München
Jahr: 2018
Seiten: 552
Rezension von HK am 03.12.2018

Maria Cecilia Barbetta

Maria Cecilia Barbetta: Nachtleuchten

Der Roman erzählt viele Geschichten von Menschen in Argentinien, Buenos Aires und genauer im Stadtviertel Ballester, etwa 1974/75. Am häufigsten kommt die zwölfjährige Arzttochter Teresa Gianelli vor. Sie besucht eine katholische Mädchenschule, von der eine Lehrerin, die junge und unkonventionelle Schwester Maria, plötzlich nicht mehr auftaucht (der politischste Bezug im Roman) und um die herum angeblich ein Kinderschänder sein Unwesen treibt. Dies alles veranlasst die Mädchenclique zu Fantasien, Vermutungen und Nachforschungen, ohne dass allerdings eine Klärung erfolgt. Später im Buch ist Teresa auf einer individuellen Mission und veranlasst verschiedene Nachbarn im Viertel, für eine Woche die in der Nacht leuchtende Madonna von Ballester bei ihnen zu Hause aufzustellen. So lernt sie auch Ofelia Farias kennen, die das Haus ihres Großvaters bezogen hat und dort mit sieben Katzen lebt.

Im Fokus auch die Autowerkstatt „Autopia“, deren Inhaber Julio el Haddad meint, das Wichtigste im Leben seien Visionen. Hier versammelt sich eine illustre Belegschaft. Unter anderen Alvaro Fatini, der nebenbei als Redakteur den „Ballester Anzeiger“ zu einer Diskussionsplattform entwickeln will. Dann gibt es den schwulen Friseur Celio Rachello, der um seine Mutter Laura trauert und mit Hilfe von Spiritisten Kontakt mit ihr aufnehmen will. Und den senilen Pater Amaro, der seine Schäfchen vor den Spiritisten retten will. Am Ende ist vorwiegend von den Brüdern Elias und Lautaro Morales (Kinder) und Mariano Andrade („El Gordo“), der sich als jugendlicher Sherlock Holmes inszeniert, und wieder Teresa die Rede, die gemeinsam irgendwelchen (so genau erfährt man es nie) Geheimnissen auf der Spur sind.

Und so liest sich dieses opulente Werk als eine Mischung aus Alltagsleben, Religiosität, mystischen bis okkulten Fantasien und Kinderkrimi. Politisch wird es – außer einigen kurzen Gesprächssequenzen – ausdrücklich nur bei den Verschwörungsfantasien der beiden Ortspolizisten Carrizo und Aquirre, die nach dem Tod von Juan Domingo Peron, mit dem sich abzeichnenden Militärputsch sympathisieren. Sprachlich ist es in der Tat gehobene Literatur. Das gekonnte Spiel mit Worten („Autopia“ oder der Reinigungsservice „Clean Eastwood“) und poetisch-kraftvolle Satzkonstruktionen sowie die farbige Beschreibung der Protagonisten sind Lesegenuss pur. Dies wiegt aber nicht die Vielzahl der verwirrenden Handlungsstränge, der oft befremdlichen bis unverständlichen Dialoge sowie die Legion von Figuren, die man nach einem Tag der Leseunterbrechung schon nicht mehr auseinanderhalten kann, auf. Eher schwierige als vergnügliche Lektüre.

Land: Argentinien
Genre: Roman
Verlag: Fischer, Frankfurt
Jahr: 2018
Seiten: 528
Rezension von HK am 02.12.2018

Nino Haratischwili

Nino Haratischwili: Die Katze und der General

Im Tschetschenienkrieg 1995 wird eine russische Einheit zur Erholung von den blutigen Kämpfen in Grosny in ein abgelegenes Tal versetzt. Doch die deformierten Kämpferpsychen halten die Ruhe nicht aus. Ein Oberst beginnt manisch, die Bevölkerung als vermeintliche Terroristen zu verfolgen. Dies alles gipfelt in einer Nacht, in der 4 Soldaten die 17jährige Nura vergewaltigen, grausam foltern und töten.

Einer von ihnen, der „General“ Alexander Orlow, ist 20 Jahre später zum schwerreichen Oligarchen aufgestiegen und beschließt 2016 in Berlin, die Schuld zu sühnen. Auf einem Theaterplakat entdeckt er die „Katze“, eine Schauspielerin, die der toten Nura täuschend ähnlich sieht. Mit Hilfe der „Krähe“ (der Journalist Onno, der ein Enthüllungsbuch über Orlow schreiben will und mit Ada, der Tochter Orlows, die Selbstmord begangen hat, zusammen war) überredet er sie, ein Video zu drehen, das die drei anderen Beteiligten an die Tat erinnert und in ein abgelegenes tschetschenisches Berghotel einlädt. Mit finanziellem und anderem Druck bringt der General die anderen dazu, dieser Einladung zu folgen.

Das ist der Kern der Handlung, die schließlich in ein spannungsgeladenes und nervenkitzelndes Finale im tschetschenischen Berghotel mündet. Zeitweise entwickelt der Roman hier Thriller-Qualitäten. Doch bevor der Leser auf Seite 762 ankommt, entfaltet die Autorin mit den umfangreichen Biografien der 8-10 Hauptprotagonist/inn/en ein opulentes Panorama der Geschichte Russlands, Georgiens und Tschetscheniens und seiner Menschen – ihres Leids, ihrer Hoffnungen, ihres kulturellen Erbes – sowohl in ihrer Heimat als auch in der Emigration (Berlin). Schon allein das ist lesenswert. Doch noch mehr berührt das scharf sezierte Innenleben jener, die von Krieg – sei es als Opfer oder als Täter – zerstört wurden. Im Mittelpunkt die tragische Figur des Generals und die (offen gelassene) Frage nach Schuld und Sühne. Wobei hier – im Unterschied zu Dostojewski – der Gedanke Adornos, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, sehr nahe liegt. Ob der General ein guter oder ein schlechter Mensch war?

Land: Georgien
Genre: Roman
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt
Jahr: 2018
Seiten: 750
Rezension von HK am 29.11.2018