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Heinrich Krobbach

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Mithu Sanyal

Mithu Sanyal: Identitti

Die 23jährige Nivedita ist an der Heine-Universität in Düsseldorf im Masterstudiengang Intercultural Studies / Postkoloniale Theorie eingeschrieben. Als Tochter eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter vergöttert sie ihre exzentrische Professorin Saraswati, mit all ihrer wissenschaftlichen und biografischen Authentizität eine Koryphäe des Kampfes der People of Colour (Poc) gegen die White Supremacy. Doch dann erfolgt der Paukenschlag. Saraswati ist keine PoC, sondern weiß, stammt aus Karlsruhe und heißt in Wirklichkeit Sarah Vera Thielmann. Ein Shitstorm und eine Aburteilung durch die antirassistische Szene brechen über sie herein. Für Nivedita, für die Saraswati nicht nur wissenschaftlich-politische Instanz, sondern auch persönliches Vorbild war, bricht eine Welt zusammen. Als Nivedita Saraswati (auf deren Wunsch in ihrer Wohnung in Düsseldorf-Oberbilk) besucht, trifft sie keineswegs auf eine zerknirschte oder schuldbewusste Frau, sondern eine offensive und mit allen argumentativen Wassern gewaschenen Apologetin ihres Handelns. Hinzu kommen Niveditas Cousine Priti, die eine Affäre mit Saraswatis Bruder Konstantin hatte, der wiederum die Wahrheit über Saraswatis Biografie öffentlich machte. Deren Debatten sind eine wilde Mischung aus Gesprächen über Wünsche nach Anerkennung, Enttäuschungen, Hoffnungen und Trauer (inkl. gegenseitiger Abrechnungen) einerseits und Reflexionen über Konzepte des Menschseins anderseits.

Dabei wird sicherlich auch diskursiv geübten Menschen beim Lesen der Kopf schwirren hinsichtlich der Frage, was an menschlicher, ethnischer, biografischer, geschlechtlicher und was auch immer Identität denn nun naturwissenschaftliche Realität und was soziale Konstruktion ist. Und folglich, was an eigener Identitätskonstruktion denn erlaubt und was kulturelle Aneignung ist. Mein Fazit zur Botschaft des Buches: Diese Postkoloniale Theorie – so sehr sie einen wichtigen Beitrag zum Kampf gegen Diskriminierung leistet – ist selbst eine ziemliche (und wacklige) Konstruktion. Das sind dann auch die eher schwer lesbaren Teile des Romans. Die Protagonist*innen mit ihren biografischen und Beziehungsproblemen treten nur selten farbig ausgeleuchtet in den Erzählstrom. Wer also fesselnde Lebensgeschichten für das ins Buch Versinken auf der Couch sucht, wird eher woanders fündig. Wer in die spannende und nicht unkomplizierte Lebenswelt junger, aufmerksamer und humanistisch gesinnter junger Menschen in heutiger Zeit eintauchen will, ist bei diesem flott geschriebenen Roman genau richtig. Sowohl die angefügte Literaturliste als auch der in die Erzählung integrierte Hinweis auf die rassistischen Morde von Hanau bezeugen die Wichtigkeit dieser aktuellen Debatten.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Carl Hanser, München
Jahr: 2021
Seiten: 432
Rezension von HK am 31.07.2021

Bernardine Evaristo

Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau etc.

Geschildert werden die Lebensgeschichten von (nach dem Inhaltsverzeichnis) 12 Frauen bzw. als Frau Geborene in Groß-Britannien, die alle miteinander in Verbindung stehen. Sie waren oder sind zueinander Großmütter, Mütter und Töchter, Lehrerinnen und Schülerinnen, Kolleginnen, Mitstudierende, Liebespartnerinnen usw. Gemeinsam ist allen: Sie sind People of Colour. So ist das Leben der ältesten geprägt von der Einwanderung aus amerikanischen oder afrikanischen Ländern und von offen feindseligem Rassismus der „Bio-Engländer*innen“. Die Themen der mittleren Generation waren (mehr oder weniger kritische) Bemühungen um Anerkennung und Integration und der Kampf gegen eher subtilen Rassismus und Diskriminierung, während die Jüngeren sich selbstbewusst mit Post Colonial Studies befassen und ihre Identität entwickeln. Dazu gehört 19jährige Studentin Yazz, Tochter der lesbischen Amma, durch eine Samenspende des schwulen Lifestyle-Professors Roland gezeugt. Amma, inzwischen Mitte 50 (sie bildet den Mittelpunkt dieses Biografie-Mosaiks) ist Theatermacherin, und die Premierenparty ihres Stücks „die letzte Amazone von Dahomey“ wird zur schonungslosen Bühne des Wiedersehens der in die Jahre gekommenen Generation Aufbruch.

Mehr beeindruckt haben mich die Geschichten der Frauen, die meist wie literarisch ausgeschmückte Kurz-Biografien wirken. Gerade der Wechsel zwischen distanzierter Schilderung und sprachlich-barocker Ausmalung von Gefühlen, Ängsten, Begierden und Szenen haben mich berührt. Zeitweise war die Vielzahl der Personen, die alle irgendwas familiär-biografisch miteinander zu tun haben, etwas verwirrend, und es bedurfte öfters des Zurückblätterns, um den Zusammenhang zu erkennen (besonders auch hinsichtlich der Zeitebene). Beschämend und eine Mahnung ist die Schilderung des vielfältigen vom lebensbedrohlichen bis zum beleidigenden Rassismus und damit auch beeindruckend die Stärke der Betroffenen, dies auszuhalten und / oder dagegen anzukämpfen. Die große Stärke des Buches ist, wie differenziert all diese starken Figuren gezeichnet werden. Nicht alle Unterdrückten sind immer gut, und nicht alle Unterdrücker sind (nur) schlecht. Und die Frage, ob die Kritik im Theater, dass die in der Reihe davor sitzende (PoC-)Frau eine sichtversperrende üppige Friseur trägt, eine Mikroaggression ist, bleibt erfrischender Weise offen.

Land: Groß-Britannien
Genre: Roman
Verlag: tropen, Stuttgart
Jahr: 2021
Seiten: 512
Rezension von HK am 17.07.2021

John Ironmonger

John Ironmonger: Der Wal und das Ende der Welt

Im englischen Küstendorf St. Piran wird ein nackter Mann bewusstlos am Strand gefunden. Er kam nachts an, ging ins Meer schwimmen, wurde abgetrieben, aber dann von der Welle eines Wals ans Ufer gespült. Gerade genesen sieht Joe Haak (so heißt der Mann), dass der Wal am Ufer gestrandet ist, mobilisiert das Dorf und gemeinsam schieben die Menschen den Wal wieder zurück ins Meer. Joe war Analyst bei einer Investmentbank in der Londoner City und hatte eine Software entwickelt, die mit künstlicher Intelligenz den Einfluss weltweiter Ereignisse auf die Börse vorhersagt und damit das Kerngeschäft der Bank, Leerverkäufe von Aktien, unterstützt. Nach einem katastrophalen Verlust von 300 Millionen Pfund flüchtet Joe, der sich verantwortlich sieht nach St. Piran. Als er beschließt, dort zu bleiben, und sich mit den Einwohner*innen anfreundet, muss er erfahren, dass hier andere Regeln für das menschliche Zusammenleben gelten als in der Finanzwelt der City of London. Besonders dann, als das Dorf wegen einer weltweiten Grippe-Epidemie, abgeschnitten von Strom- und Wasserversorgung, ums Überleben kämpfen muss.

Das ist wohl der Kern der netten Geschichte. Handeln Menschen aus purem Egoismus und bestimmt ausschließlich dies ökonomische und auch gesellschaftliche Aushandlungsprozesse? Oder sind Mitmenschlichkeit und Solidarität die eigentlichen Triebkräfte? Oder ist erstere für notwendig für ökonomischen Erfolg und Profit und die zweite Triebkraft dann gefragt, wenn die erste in die Katastrophe geführt hat? Joe schwankt zwischen beiden Modi hin und her, und es muss erst sein väterlicher Ober-Chef der Bank kommen, um ihm intellektuell-ethisch auf die Sprünge zu helfen. Jenseits seiner Software-Entwicklung ist Joe aber auch ein wahrhaft schlichtes Gemüt – besonders in seiner völligen Naivität gegenüber Frauen. So ein Homo Oeconomicus als Anti-Held im richtigen Leben – so liest es sich in der Tat als nette Geschichte.

Land: Groß-Britannien
Genre: Roman
Verlag: Fischer, Frankfurt
Jahr: 2020
Seiten: 480
Rezension von HK am 13.07.2021

Andreas Heinzel

Andreas Heinzel: Eine Stadt dreht durch

Eine Frau kauft schon mal einen Sarg für ihren (quicklebendigen) Mann. Zwei Brüder beschenken sich zu Tode. Eine Immobilienfirma verlost Wohnungen an Gewinner eines Radrennens. Ein Blechschaden im Parkhaus Hauptwache stürzt die Frankfurter Innenstadt in Chaos und Anarchie. Herr- und Fraugott fragen sich, ob die Erschaffung der Menschheit wirklich eine gute Idee war. In diesen (insgesamt 12) Kurzgeschichten dreht der Autor am Rad von mehr oder weniger alltäglichen Ereignissen und mehr oder weniger schrägen Marotten von Frankfurter Zeitgenoss*innen – und treibt es auf die Spitze. Profitgier, Eifersucht, Exzentrik, Pedanterie, Ehrgeiz, Hybris – den zeitlosen Todsünden hält Andreas Heinzel in seinen vergnüglichen Satire-Geschichten den Spiegel vor. War nett zu lesen.

Land: Deutschland
Genre: Satire
Verlag: mainbook, Frankfurt
Jahr: 2021
Seiten: 252
Rezension von HK am 06.07.2021

Deniz Ohde

Deniz Ohde: Streulicht

Die Ich-Erzählerin besucht ihren Vater im Elternhaus im Umfeld des Frankfurter Industrieparks Höchst. Ihre Mutter war in der ländlichen Türkei als ungewolltes und ungeliebtes Kind aufgewachsen, folgte irgendwann ihrer Schwester nach Deutschland, lernte dort ihren Mann kennen, bekam eine Tochter, trennte sich vom Mann, versorgte ihn aber häuslich weiter, zog wieder ein, als dessen Vater starb und starb selbst an einem Hörsturz. Ihr Vater war Industriearbeiter, hat 40 Jahre lang in derselben Firma Aluminiumbleche in Lauge getaucht, zeigt „Hilflosigkeit bei allem, was darüber hinausgeht“, war während der Ehe unbeherrscht und gewalttätig (aber immer nur gegen Sachen, nicht gegen Frau und Tochter), lebt nun zurückgezogen, raucht und trinkt zu viel, neigt zum Messie, weil er alles aufheben muss. Sehr hellsichtig allerdings charakterisiert er die Ehe des deutschen Arbeiters mit einer gebürtigen Türkin: „Wir werden hier unter ständiger Beobachtung stehen.“ Und diese Erfahrung prägt die Kindheit und Jugend der Tochter. Unsere Ich-Erzählerin, aufgrund von Aussehen und Vorname sofort als Nichtdeutsche identifiziert, durchlebt alle Facetten der Diskriminierung von Verächtlichmachung, Beleidigung, Tätlichkeiten auf dem Schulhof bis hin zur Ausgrenzung durch Lehrer/innen, die nicht hinhören, verstehen und fördern wollen, sondern lieber reflexhaft auf falsche grammatische Artikel reagieren und eher von zu viel Schulbildung abraten – „sie müsse ja sicher zu Hause viel helfen“. Eigentlich ein Wunder, dass ihr ein erfolgreiches Studium ebenso gelingt wie ihren Schulfreund:innen Pikka und Sophia. Die beiden bilden das rein deutsche Kontrastprogramm (und heiraten auch am Ende), sind wirkliche Freunde und frei von rassistischen Abwertungen – allerdings so frei, dass sie die Wahrnehmung der Ich-Erzählerin nicht glauben können „Das bildest du dir ein“, sagte Sophia.

Das ist ja ein autobiografischer oder zumindest stark so beeinflusster Roman. Wenn auch nur ein Teil dessen stimmt, wie sich die Lehrkräfte verhalten – also etwa Ende der 1990er, Anfang der 200er Jahre, dann fall ich vom Glauben ab, dass ein solcher „Herr Kaiser“ noch sanktionsfrei an hessischen Schulen unterrichten können sollte. Aber man muss es wohl ernst nehmen – dieses lähmende (und zum Teil unsichtbare) Gift der Diskriminierung: „Jede Anfeindung spielte sich zwischen den Zeilen ab und war immer schon verschwunden, wenn ich sie ansprechen wollte.“ Die Geschichte dieses klugen, aber stillen, dieses beharrlichen, aber schüchternen Mädchens zeigt, wie schwer die doppelte Last (sog. Migrationshintergrund und Arbeiterkind) den eigenen selbstbestimmten Weg hemmt. Atmosphärisch sehr dicht, geradezu mit allen Sinnen spürbar, setzt Deniz Ohde die Geschehnisse, die Wohnungen, die Klassenzimmer, das Milieu in Szene. Man sieht Bilder und versteht – und bewundert die Protagonistin. Jedoch öfters waren mir die Reihungen der Erinnerung zu assoziativ (huch, wovon und von wem ist nun die Rede?) und hinderten das Leseverständnis. Aber lesen muss man diesen instruktiven Roman unbedingt.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Suhrkamp, Berlin
Jahr: 2020
Seiten: 284
Rezension von HK am 26.05.2021