Heinrich Krobbach und Bücher
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Hallo und herzlich willkommen auf meiner Webseite!

Hier gibt es mich zu sehen und zu lesen.

Für Literaturliebhaber/innen meine Rezensionen gelesener Bücher. Über viele und nette Kommentare freue ich mich.
Rechts übrigens die neuesten Rezensionen.

Wer sich wundert, dass neuerdings so viele Krimis auftauchen. Seit dem Superstart der VHS-Lesungen "Tod im Turm" bekomme ich massenhaft Empfehlungen - ich bin sozusagen fast im Krimi-Lese-Stress. Aber es gibt auch immer wieder unblutige Literatur.

Ich suche natürlich auch Gäste für meine Ferienwohnung am schönen Traunsee (Österreich, Salzkammergut).

Viel Spaß beim Surfen
Heinrich Krobbach

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Lukas Rietzschel

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen

Die Brüder Philipp und Tobias (der jüngere) sind nach der Wende geboren und wachsen in ihrem Heimatdorf Neschwitz (nördlich von Bautzen) auf. Um die Jahrtausendwende baut ihr Vater (umgeschulter Elektriker) ein eigenes Haus für die Familie. Doch die Auflösung der Familie steht bevor, als sich der Vater seiner früheren Freundin Kathrin zuwendet. Die Jungs kommen in die Schule, erleben dort die Langeweile des Unterrichts, das Leiden der Jüngeren unter den piesackenden Älteren sowie die Provokationen der noch älteren (meist arbeitslosen) Jugendlichen, die vor der Schule lungern. Nacheinander geraten Philipp und dann Tobias in diese Gruppe, deren wesentliche Beschäftigung aus Abhängen und Bier trinken besteht. Und die eine unverrückbare Erklärung für ihre hoffnungslose Misere hat: Schuld sind weltfremde Politiker (Volksverräter) und Asylanten, die das deutsche Vaterland überschwemmen. Der innere Druck, man müsse etwas tun, wächst und wächst.

Die Geschichte selbst ist nicht ungewöhnlich für eine Gegend, in der für frühere rassistische Ausschreitungen bekannte Städte wie Hoyerswerda ganz in der Nähe liegen. Was mich an diesem Roman fasziniert, ist die – fast beiläufig daherkommende – eindrückliche sprachliche Ausleuchtung der Szenerie und des Innenlebens der Protagonisten. Beispielsweise gleich zu Anfang über Neschwitz (knapp 3000 Einwohner): „Der Schornstein des Schamottewerkes war zu sehen. Eine Ziegelesse, die nicht mehr rauchte, seitdem die Mauer gefallen war. … Verrostete Überreste von Schienen. Die Erde war durch den Kaolinabbau von Mulden übersät und eingedellt. Neschwitz lag in dieser Landschaft wie ein Steg zwischen Tongruben und Steinbrüchen.“ „In der (an den Sportplatz) angrenzenden Gaststätte mit Kegelbahn saßen Leute hinter Spitzengardinen und tranken Bier.“ Das Highlight des Jahres ist das Hexenbrennen am 30. April. Ebenso die Stimmung der Menschen – kraftlos, trüb, verbittert, wütend. Natürlich gäbe es Alternativen – man könnte gehen, sich drehen. Aber die „Verhältnisse“ wirken wie ein zäher Strom, in dem man treibt, und der Horizont ist vernagelt. Verlassen von der Welt (selbst Ereignisse wie der 11. September in New York oder die Besetzung der Krim werden wahrgenommen wie von einem fernen Stern) will man hineinschlagen.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Ullstein, Berlin
Jahr: 2018
Seiten: 320
Rezension von HK am 21.09.2019

Tonio Schachinger

Tonio Schachinger: Nicht wie ihr

Der 27jährige Profi-Fußballer Ivo Trifunovic spielt in der englischen Premier League und der österreichischen Nationalmannschaft. Ein Bilderbuchleben mit Ehefrau Jessy und Tochter Lena. Doch irgendwas ist nicht im Lot. Statt nach Training oder Spiel nach Hause zu kommen, verzögert er dies und fährt ziellos und einsam durch die Gegend. Als er zufällig seine Schulfreundin Mirna wiedersieht, beginnt er eine Affäre mit ihr (nicht einfach für einen Fußballstar, der bekannt ist wie ein bunter Hund). Doch auch dies macht in nicht glücklicher, und dann fängt er noch an zu überlegen, was wohl seine Frau während seiner Abwesenheit tut (mit der jungen attraktiven Kata).

Ein Mann, der hoch fliegt, dem aber die (innere) Erdung fehlt, gerät somit unweigerlich in die Krise. Genial ist schonmal, wie eindrücklich und mit welch einfacher und klarer Sprache (halt die von Ivo) diese Entwicklung bis in Einzelheiten ausgeleuchtet wird. Schwer daherkommende Psychologie (narzisstische Persönlichkeit) wird lakonisch auf Abstand gehalten, aber nicht oberflächlich abgetan. Ivo ist kein hohler Typ, sondern setzt sich mit natürlichem Menschenverstand kritisch mit sich und anderen auseinander. Und dabei werden etliche Erscheinungen des Profi-Fußballs, wie die Sprechblasen von Spielern beim Interview, gängige taktische und psychologische Fußballweisheiten und das zynische Millionengeschäft mit jungen Talenten, ironisch aufs Korn genommen. Der Roman fesselt und entspannt zugleich. Gute Entscheidung für die Shortlist des deutschen Buchpreises 2019.

Land: Österreich
Genre: Roman
Verlag: Kremayr & Scheriau, Wien
Jahr: 2019
Seiten: 304
Rezension von HK am 17.09.2019

Miku Sophie Kühmel

Miku Sophie Kühmel: Kintsugi

Max und Reik sind seit 20 Jahren ein Paar und feiern dies in ihrem Wochenendhaus. Eingeladen sind nur der langjährige Freund Tonio (früher der Liebhaber von Reik) und dessen Tochter Pega. Die vier Protagonisten erzählen abwechselnd ihre gemeinsame und Lebensgeschichte. Tonio als alleinerziehender Vater von Pega und Max und Reik von Geburt an als Ersatzväter oder so ähnlich. Schon zu Beginn fragt man sich, wie es Max, der pedantische Professor für Archäologie, und der inzwischen erfolgreiche Maler und psychodynamische, chaotische Reik miteinander ausgehalten haben. Das wird alles eher ironisch geschildert und ist auch nicht der Grund, dass die Stimmung sehr schnell kippt. Eher an überraschenden Themen (ob Max und Reik heiraten sollten; ob Reik einen Kinderwunsch hat) beißt sich die Diskussion fest. Die Unsicherheit der Männer in der Mitte des Lebens, verbunden mit den Fragen, ob die Vergangenheit richtig gelebt wurde, die Gegenwart so gut und die Zukunft so oder anders sein soll, ist der eigentliche Kern. Ob und wie ein neuer Aufbruch, gemeinsam oder getrennt oder etwas dazwischen, gelingen kann, gibt dem Roman einen gewissen sinnhaften Spannungsbogen. Kintsugi eben – die japanische Technik, zerbrochene Gefäße kunstvoll zu reparieren. Ansonsten ist er in der zum Teil lakonischen Sprache ganz nett zu lesen.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Fischer, Frankfurt
Jahr: 2019
Seiten: 304
Rezension von HK am 15.09.2019

Mercedes Rosende

Mercedes Rosende: Krokodilstränen

Germán wurde beim Versuch, von Úrsula López Lösegeld für ihren entführten Ehemann zu erpressen, gefasst und sitzt nun im Gefängnis von Montevideo, als im der zwielichtige Anwalt Doktor Antinucci mitteilt, dass er in den nächsten Tagen entlassen wird. Hauptentlastungsgrund ist die Aussage von Úrsula López, dass Germán von ihr kein Lösegeld gefordert hat. Schnell wird klar, dass es noch eine zweite Úrsula López gibt – und die wird in der folgenden Sache eine gewichtige Rolle spielen. Offensichtlich wurde Germán aus dem Gefängnis geholt, um bei einem größeren Coup mitzuspielen. Und dann nimmt der Krimi – im wahrsten Sinne des Wortes – so richtig Fahrt auf. Wilde Schießereien und Verfolgungsjagden für sehr viel Geld. Und am Ende siegen die List und ein bisschen der Zufall.

Ein wirklich fein konstruierter Krimi-Plot, der den Leser viel ahnen und mitkombinieren lässt und dennoch die immer Spannung auf das unmittelbar nächste Ereignis hält. Die Szenen werden sprachlich hautnah dargestellt – man fühlt sich mitten im Geschehen. Und doch wird eine spielerisch-ironische Distanz erzeugt, als würden die Protagonisten auf einer Bühne stehen und Impro-Theater spielen, als könnte mitten in der wildesten Schießerei der Regisseur die Klappe zeigen und fordern, das alles nochmal oder anders zu spielen. Und darum geht es auch. Wie man – trotz oder gerade wegen sozialer Verhältnisse und seelischer Verwicklungen – das Leben in die Hand nimmt. Schließlich noch die faszinierende Úrsula López – wären wir nicht in Uruguay, könnte sie eine Hauptfigur der großen alten Dame Ingrid Noll sein. Es war ein Lesegenuss.

Land: Uruguay
Genre: Krimi
Verlag: Unionsverlag, Zürich
Jahr: 2018
Seiten: 224
Rezension von HK am 06.09.2019

Astrid Keim

Astrid Keim: Ewige Stille

Vor einigen Wochen wurde schon eine Leiche im Frankfurter Bahnhofsviertel gefunden, ohne dass bisher klar ist, um wen es sich handelt. Nun findet sich in einem Container ein toter junger Mann, der bald als Fabian Vollmer, Sohn aus gutem Hause, identifiziert wird. Haben beide Morde etwas miteinander zu tun, was waren die Motive, wär die oder der Täter? Die Kommissare Thomas und Iris tappen im Dunklen, während Thomas‘ Lebensgefährtin, die Anwältin Laura gemeinsam mit ihrer Freundin Renate Hobby-Recherchen anstellt und – schwupps – die richtigen Spuren findet. Auch was die Rolle des geheimnisvollen Kunsthändlers Simon Gordon, der zurückgezogen im Haus neben dem Container wohnt, betrifft. Und der Bogen wird weit gespannt zwischen einem Luxushotel im Taunus, in welchem eine exquisite Weinverkostung (mit Laura und Thomas unter den Gästen) stattfindet und eine sehr teure Weinflasche zerbrochen ist, einerseits und einem alten Kloster in den Tiefen Russlands.

Das ist noch nicht alles. Bis zum einigermaßen spannenden Schluss und der Auflösung wird der Leser detailliert und seitenweise mit kosmetischen Bemühungen älterer Frauen, Beschreibungen von 6-Gänge-Menues und alten Weinen sowie mit Reflexionen über den Unterschied von Gourmet- und normaler Küche und darüber, dass die Stadtmenschen den Bezug zur Natur verloren haben, befasst. Das Ergötzen Lauras über gehobenen Geschmack und ihr Räsonieren über den Wertewandel, Qualitätsverlust in der Schulbildung usw. klingt eher wie dummes und arrogantes Geplapper. Alles gerade mal so eingestreut – wie auch die Verstimmung zwischen Iris und ihrer Lebensgefährtin. Hätte man 100 Seiten gestrichen, wäre es ein kompakter Krimi ohne Ärgernis geworden.

Land: Deutschland
Genre: Krimi
Verlag: Größenwahn, Frankfurt
Jahr: 2019
Seiten: 210
Rezension von HK am 31.08.2019