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Heinrich Krobbach

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Jackie Thomae

Jackie Thomae: Brüder

Mick und Gabriel sind Brüder, 1970 in der DDR geboren, haben verschiedene Mütter, aber den gleichen Vater, den Senegalesen Idris – wissen allerdings nicht voneinander. Zuerst wird die Geschichte von Mick erzählt, der von seiner Mutter Monika allein erzogen wird, später gemeinsam mit Lebensgefährten. Er zieht früh von zu Hause aus, bricht eine Zimmermannslehre ab und schlägt sich mit Jobs für den Modefotofragen Desmond durch. Desmond stiftet ihn zu einem lebensgefährlichen Kokainschmuggel aus Kolumbien an, den Mick (mit seiner Freundin Delia) nur knapp unbeschadet übersteht. Danach lebt er mit Delia (inzwischen Juristin) Berlin, ist Teilhaber eines Clubs und handelt mit alten Langspielplatten. Sie zerstreiten und trennen sich wegen Delias Kinderwunsch; Mick geht nach Thailand zu seinem Freund Chris. Soweit erstmal Teil 1 von Mick.

Gabriel, dessen Mutter Gabriele gestorben ist, als er 7 Jahre alt war, wächst bei seinen Großeltern auf. Er studiert Architektur, geht nach London und gründet mit seinem Studienfreund Mark ein nun weltweit tätiges Architekturbüro. Er heiratet die in Kenia aufgewachsene (weiße) Fleur, sie bekommen einen Sohn, Albert, der ihnen während der Pubertät entgleitet. Gabriel ist eher der ernsthafte Typ, der alles genau und schwer nimmt. Die familiäre Situation und der berufliche Druck führen ihn geradewegs in einen Burn-Out, der in einen irren Ausbruch mündet. Er beschmiert eine schwarze Studentin, die ihn provoziert hat, nachdem ihr Hund in Gabriels Vorgarten einen Kothaufen hinterlassen hat, mit eben dieser Hundescheiße. Die öffentliche Brandmarkung als Rassist folgt auf dem Fuß.

In einem Intermezzo kommt der Vater Idris mit seinen Erinnerungen an Deutschland zu Wort. Im Epilog erfolgt dann eine „Familienzusammenführung“ der besonderen Art.

Zunächst das Positive. Die jeweiligen Szenen, die Verstrickungen, die „dramatischen“ Ereignisse sind sehr hautnah in lebendiger Sprache beschrieben – es zeigt sich das schriftstellerische Können der Autorin. Sehr interessant sind auch die – mehrfach verwickelten – Reflexionen über Wirkungen der Hautfarbe (beide Brüder sind ja dunkelhäutig) auf andere und auch auf die eigene Identitätsbildung. Wenig überzeugend fand ich den gesamten Handlungszusammenhang. Es werden zwei Geschichten erzählt, die für sich spannend sein könnten (wenn auch Teile, wie Delias Hautausschlag u.ä., wie reingewürfelt wirken). Ein schlüssiger Zusammenhang der unterschiedlichen Biografien der Brüder – bloß wegen des gemeinsamen Vaters – hat sich für mich nicht ergeben. Insgesamt zu viel Beliebigkeit in diesem opulenten thematischen Puzzle. Auch die sprunghafte Erzählweise (Kapitel beginnt mit einem Thema, springt aber sofort zur einem oder mehreren anderen und dann (absatzweise) wieder zurück hat meinen Lesefluss weniger vergnüglich beeinflusst. Fazit: Kann man lesen.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Hanser, Berlin
Jahr: 2019
Seiten: 432
Rezension von HK am 05.06.2020

Erich Kuby

Erich Kuby: Rosemarie

Sitzung des „Isoliermattenkartells“ im Frankfurter Palasthotel, wobei sich hinter diesem Fantasienamen ein Treffen der mächtigsten Großindustriellen im Nachkriegsdeutschland verbirgt, mit einem Ministerialrat der Bundesregierung. Es geht um geheime Pläne zur Entwicklung von Atomtechnologie. In einer Pause sieht Bruster, der Chef der Abruda-Werke, eine junge Frau im Hof des Hotels und wirft ihr – nach Augenkontakt – einen Zettel zu „20 Uhr vor dem Hotel, beescher SL“. Die junge Frau – Rosemarie – kommt wirklich, steigt jedoch aus Versehen in den Wagen des Konzernchefs Hartog. Die Affäre beginnt, Hartog richtet Rosemarie eine Wohnung im Dornbusch ein. Dort wird sie schließlich auch von Bruster besucht. Als Hartog dies bemerkt, reagiert er eifersüchtig und wendet sich ab. Bruster erweist sich nicht nur als Liebhaber, sondern auch als Rosemaries Marketing-Berater und leiht ihr Geld für eine luxuriöse Wohnung am Eschersheimer Tor. Der Aufstieg Rosemaries zur bekannten Edelprostituierte beginnt, sie schafft sich mit viel Geschäftssinn einen Kundenkreis aus der wirtschaftlichen Elite – und gerät in Ränkespiele, die sie nicht mehr kontrollieren kann.

Der Mord an Rosemarie Nitribitt und die Spekulationen über Motiv und Mörder bieten dem Autor viel Stoff seine Themen zu entwickeln. Es beginnt mit der Gedankenwelt und Moral der Großindustriellen in der Nachkriegszeit (allen voran Hartog – unverkennbar die Romanfigur des Krupp-Erben Haralds von Bohlen und Halbach), in der es unhinterfragt um Geld und Macht geht, während der Rest der Menschheit zu formende Verfügungsmasse darstellt. Und zwar besonders die Frauen als Schmuckwerk oder eben als Objekt der Begierden. Damit sind wir bei Kubys zweitem Thema. Wie passt die eher ungebildete, sexuell nicht sonderlich ambitionierte, zickige, aber geldgierige und geschäftstüchtige Prostituierte in diese Welt. Es sind die Verfügbarkeit und Käuflichkeit, aber besonders die Formbarkeit, die besonders Bruster auskostet, der aus der unscheinbaren Frau ein erotisches Hochglanzprodukt macht. Diese geteilte Geschäftsdenke (von Geist will ich nicht reden) macht den Reiz des gemeinsamen Spiels aus. Willkommen im Wirtschaftswunderland und der verheißungsvollen Warenwelt, die sogar Gefühle handelbar macht. Als soziologisch geschärftes Sittengemälde der 1950er Jahre ist es eine anregende und gelungene Lektüre. Störend empfand ich oft die bis zur Unverständlichkeit komplexen Satzungetüme

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Schöffling, Frankfurt
Jahr: 2020
Seiten: 320
Rezension von HK am 23.03.2020

Susanne Gregor

Susanne Gregor: Das letzte rote Jahr

Die Ich-Erzählerin Misa berichtet von ihrer Kindheit als 14jährige im (damals tschechoslowakischen – nun slowakischen) Zilina mit den gleichaltrigen (und im gleichen Haus wohnenden) Mädchen Rita und Slavka. Eine wunderliche Freundschaft, denn die drei entwickeln höchst unterschiedliche Interessen. Slavka beginnt schon früh mit Gymnastik (Bodenturnen) und entwickelt erstaunliche Fähigkeit – „Glanz und Grazie“ sind ihr wichtig. Rita engagiert sich bei den Pionieren und verteidigt vehement die sozialistischen Prinzipien gegen westliches Konsumstreben. Misa selbst steht irgendwo dazwischen und vertieft sich in die Welt der Bücher. Zusätzlich wird die Freundschaft in der fortschreitenden Pubertät auf die Probe gestellt, weil sich die Mädchen in recht unterschiedlicher (und überraschender) Weise dem männlichen Geschlecht zuwenden.

Nicht einfach für die (auch miteinander befreundeten) Eltern der drei Pubertierenden, zumal ja auch weitere Kinder (wie Misas 17jähriger Bruder Alan – langhaariger, Ohrring tragender Schlagzeuger einer Band) für Familienkonflikte sorgen. Dabei erweist sich Misas und Alans Vater – nach außen ein freundlicher und umgänglicher Mann als wahrer Familientyrann. Eine besondere Dynamik unter den Beteiligten entwickelt sich anhand der Frage, ob man die Ausreise in den Westen versuchen sollte. Die Geschichte spielt im Jahr 1989!

Zu diesem Thema fand ich den Roman stark, der sehr differenziert die Alltagsperspektive der Handelnden im „real existierenden Sozialismus“ beschreibt. Die Macht der Partei müssen Ritas Vater (wird kein Abteilungsleiter) und jener von Misa (ist hilflos gegenüber der aufgedrängten Freundschaft des Parteisekretärs) ertragen; die Mädchen müssen im Unterricht die „Tabu-Themen“ akzeptieren und (im Jahr 1989!) Reden des Direktors über den Fortschritt des Sozialismus anhören; die Familien – obwohl gut situiert – müssen sich mit dem Mangel an Konsumgütern befassen und sehen gleichzeitig die schillernde Welt des Kapitalismus. Es scheiden sich jedoch die Geister, ob man dort gut aufgehoben sei.

Sehr einfühlsam wird auch die Entwicklung der drei Mädchen geschildert. Besonders Misas „Erwachsenwerden“, der Abschied von einer als beständig geglaubten Welt, das Neujustieren von Nähe und Loyalitäten (Freundinnen versus Freund) sind zwar keine brandneuen Themen, aber doch treffend beschrieben. Sprachlich wirkt der Text überwiegend recht nüchtern wie ein Bericht über abgeschlossenes Vergangenes und lässt die Leselust so dahinplätschern. Irgendwo zwischen Frühling und Sommer (der Roman ist in 4 Kapitel nach den Jahreszeiten gegliedert) bekommt dann die Aneinanderreihung von Familienszenen ihre Längen, was aber bei insgesamt 220 Seiten nicht so bedeutend ist.

Land: Österreich
Genre: Roman
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt
Jahr: 2019
Seiten: 224
Rezension von HK am 28.02.2020

Karin Kalisa

Karin Kalisa: Radio Activity

Nora Tewes ist in einer kleinen Hafenstadt an der Nordsee aufgewachsen und lebt nach einer Ballettausbildung in New York. Als sie dort die Nachricht erhält, dass ihre Mutter im Sterben liegt, kehrt sie in die Heimatstadt zurück, findet Arbeit in einem Tonstudio (hat sie von ihrer Mutter gelernt) und kümmert sich um ihre Mutter. Im Tonstudio trifft sie ihre Schulfreunde Tom und Grischa wieder. Gemeinsam mit Helge, der beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeitet und Geld sowie die Zuteilung einer Frequenz organisieren kann, gründen sie das Radio „Tee und Teer“. Es wird auf Anhieb ein Erfolg, nicht zuletzt wegen Noras genialer Radiostimme, mit der sie als „Holy Gomighty“ die Hörer/innen verzaubert. Doch Nora verfolgt einen geheimen Plan. Mit Hilfe einer Quizreihe will sie den Täter, der ihre Mutter Annabel als Kind missbraucht hat (ist inzwischen juristisch verjährt), öffentlich brandmarken. Der Plan scheitert, doch dann hat der eher unscheinbare Rechtsreferendar Simon ein genialen, wenn auch nicht ganz so legalen, Plan.

Steht die strafrechtliche Behandlung der Täter moralisch im rechten Verhältnis zum Leiden der Opfer? Diese brisante Frage wird im Buch intensiv beleuchtet und – besonders durch Simons Aktion – zur Debatte gestellt. Unterstrichen wird dies durch die einfühlsame Schilderung, wie die Mutter sich in ihren letzten Lebenstagen ihrer Tochter offenbart. Hier zeigt sich auch die sprachliche Stärke des Romans. In der farbigen Ausmalung innerer Monologe und Empfindsamkeiten und im bedachten Umgang mit Worten wie „seelenversehrt“. Wenn auch hier und da einige verschaltete Sätze zu unübersichtlich geraten sind, was es ein Leseerlebnis (weil es mir schwerfällt bei diesem Thema von Lesegenuss zu sprechen).

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: C.H. Beck, Münschen
Jahr: 2019
Seiten: 351
Rezension von HK am 21.02.2020

Jan Costin Wagner

Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht

Jannis (5 Jahre) ist vom Schulflohmarkt in Wiesbaden-Biebrich einem Mann mit einem Teddybären gefolgt, der ihn dann niedergeschlagen und im Auto entführt hat. Mutter Lea Meiniger und Tochter Sarah haben nichts bemerkt. Die beiden Kriminalkommissare Ben Neven und Christian Sandner verfolgen mit Unterstützung ihres Kollegen Mark Lederer die dürftigen Spuren (Bilder von Überwachungskamera). Auch die Recherche eines ähnlichen Falls vor zwei Jahren in Innsbruck bringen sie nicht weiter. Bis schließlich Hinweise aufgrund eines öffentlichen Aufrufs sie ins Zielgebiet führen. Dort erwartet sie ein noch tieferer Abgrund menschlichen Verhaltens.

Der Leser weiß zu diesem Zeitpunkt (durch Zwischenkapitel) vom Täter, so dass es ab Mitte des Buches um die Frage geht, ob sie ihn kriegen 8und den Jungen retten können). Der Spannung tut dies jedoch keinen Abbruch, wobei am Ende etwas zu viel „Kommissar Zufall“ nachhilft. Breiten Raum nehmen die Gefühlslagen der Beteiligten ein, was bezüglich der Angst von Jannis‘ Familie in sehr einfühlsamer Weise geschieht und den Kriminalroman bereichert. Die entrückt wirkenden Stimmungen und Tagträume der Polizisten Ben und Christian empfand ich eher (ohne richtigen inhaltlichen Bezug zur Handlung oder selbst zum Thema werdend) aufgesetzt und auch unverständlich (z.B. „Christian entfernt sich, gleitet ab in die graue Welt. Ein graues Lachen, es berührt die Oberfläche seiner Augen“). Bei aller Poesie, für die der Autor gelobt wird, es fehlt der Fokus, der innere Bezug dieser Stimmungsbilder und Nebenhandlungen (Christians Gespräche mit Nadine, Landmanns traurige Geschichte mit seiner Tochter Barbara). Ich fühlte mich zwar in einzelne Szenen innerlich „hineingezogen“, nicht aber in die ganze Geschichte. Nach „Sakari lernt, durch Wände zu gehen“ wurden meine positiven Erwartungen nicht erfüllt.

 

Land: Deutschland
Genre: Krimi
Verlag: Galiani, Berlin
Jahr: 2020
Seiten: 320
Rezension von HK am 01.02.2020