Heinrich Krobbach und Bücher
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Heinrich Krobbach

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Maja Lunde

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen

Der ziemlich gescheiterte Naturforscher und Samenhändler William durchlebt im England des Jahres 1852 eine tiefe Krise, während derer er das Bett nicht verlässt. Erst sein einziger Sohn Edmund (er hat ansonsten 7 Töchter) reißt ihn aus der Lethargie. Seine neu gewonnene Energie steckt er in die Erfindung eines neuartigen Bienenstocks. Ob ihm dies zu Erfolg und Glück verhilft? Jedenfalls nicht mit seiner Familie, die er als Patriarch eher für eigene Zwecke kommandiert und ausnutzt, als dass er ihr den Unterhalt sichert.

Dann gibt es den Imker George in Ohio im Jahr 2007. Ein Macher und Schaffer, der kein Verständnis dafür hat, dass jemand die Imkerei nicht für den Fixstern der Welt halten kann und dem alles andere unterordnet. Darunter leidet nicht nur seine Frau Emma, die viel lieber alles verkaufen und nach Florida ziehen würde, sondern auch sein Sohn Tom, der studiert und Schriftsteller werden will. Doch dann plagen George viel existenziellere Probleme – die Bienen aus seinen Stöcken sind plötzlich verschwunden.

Schließlich wird die Geschichte der jungen Tao erzählt, die mit ihrem Mann Kuan und Sohn Wei-Wen in China im Jahr 2098 lebt. Ihr Arbeit besteht in der Bestäubung von Obstbäumen, denn seit Jahrzehnten sind die Bienen von der Erde verschwunden. Dann erleidet Wie-Wen einen rätselhaften Unfall und wird von Ärzten gegenüber den Eltern abgeschirmt und schließlich nach Peking gebracht. Die verzweifelte Mutter Toa macht sich mit den letzten Geldreserven auf in ein dystopisch anmutendes zerstörtes Peking, um ihren Sohn zu finden.

Also, die politische Botschaft ist klar – es geht nicht ohne die Bienen – eine deutliche ökologische Warnung in literarischer Form.  Das drumherum zur Mitte des 19. (William) und zu Beginn des 21. Jahrhunderts (George) eher kleinbürgerliche Lebensverhältnisse, wie man sie als bekannt ansieht, während das China zum Ende des 21. Jahrhunderts ziemlich dystopische Züge aufweist, die aber auch aufgrund der dortigen aktuellen Entwicklung des Überwachungsstaates nicht überraschen. Sprachlich werden starke Figuren geschaffen, wobei besonders die männlichen Protagonisten durch Egozentrik und Unfähigkeit zur wirklichen Verständigung auffallen – da ist kaum ein Sympath drunter. Die drei Geschichten werden kapitelweise verschachtelt erzählt (sonst würde man den Zusammenhang zu früh wissen), was den Lesefluss etwas stört. Insgesamt ein guter Anfang, wobei ich die folgende „Geschichte des Wassers“ kompakter fand.

Land: Norwegen
Genre: Roman
Verlag: btb, München
Jahr: 2018
Seiten: 528
Rezension von HK am 21.01.2022

Tsitsi Dangarembga

Tsitsi Dangarembga: Aufbrechen

Tambudzai, genannt Tambu, wächst in den 1960er Jahren in einem Dorf in Zimbabwe (das damals noch Rhodesien hieß) als Tochter von armen Subsistenzbauern auf. Das Buch beginnt mit dem befremdenden Bekenntnis, dass sie (im Alter von 13 Jahren) nicht traurig war, als ihr älterer Bruder starb. Dieser war vom Onkel Babamukuru auf die Missionsschule, deren Direktor er ist, geholt worden. Babamukuru bietet nun der lernbegierigen Tambu diese Möglichkeit, über Bildung die perspektivlose Existenz im Dorf zu überwinden. Für Tambu bedeutet dies nicht nur, sich eine völlig neue Welt zu erschließen, sondern auch die Auseinandersetzung und Wiederannäherung mit ihrer Cousine Nyasha. Sie war mit ihren Eltern Babamukuru und Maiguru während deren Studiums in England und kam mit völlig anderen Sitten zurück, sprach nur noch schlecht Shona und dafür englisch mit besonderem Akzent. Damit gerät die rebellische Nyasha zur Außenseiterin, während die anpassungsfähige Tambu wesentlich besser zurechtkommt. Dies gilt für die Missionsschule, aber besonders auch für die Familie, in der sich Babamukuru als unumschränkt herrschender Autokrat erweist und spätestens, als die Mädchen in die Pubertät kommen, einen absurden Kontrollwahn entwickelt. Während sich für Nyasha die Katastrophe anbahnt, besteht Tambu sogar die Aufnahmeprüfung für das Young Ladies College der (europäischen) Nonnen. Die Freundschaft der Mädchen wird auf eine harte Probe gestellt.

Ein hautnah schreckliches und wunderbares Buch! Man spürt und riecht förmlich die Erde, auf und mit der im Dorf gelebt wird, man riecht die offene Feuerstelle, die rußige Küche und man spürt die Last beim Wasserholen aus dem Fluss, die Anstrengungen und Entbehrungen. Und man erfährt plastisch das Verwoben-Sein in diese rudimentäre Existenz, so dass das Leben im Haushalt Babamukurus (z.B. Essen am Tisch mit Messer und Gabeln, Unterwäsche, Nachthemden, elektrisches Licht) schon wie eine andere Welt erscheint – für Tambus schicksalsergebene und an Hexerei glaubende Mutter sogar als eine bedrohliche Welt (die ihr angeblich den Sohn genommen hat). Dem Rassismus der weißen Ex-Kolonialherren entspricht die Duldsamkeit der schwarzen Bevölkerung, insoweit sie dankbar ist, für das, was sie bekommt, und nicht mehr will. Mit solch einfachen Worten kritisiert die Autorin die postkolonialen, weiterhin paternalistischen Herrschaftsverhältnisse, wie sie Frantz Fanon („Die Verdammten dieser Erde“) einleuchtend analysiert. Und ebenso verweist der Roman darauf, dass die Unterdrückten dieser Erde nicht immer die besseren Menschen sind. Die manifeste Unterdrückung und Benachteiligung von Frauen (auch und besonders in der schwarzen Bevölkerung) ist ein dicker Handlungsstrang des Buches. Zur Illustration dessen, aber auch des Widerstandes hat Tsitsi Dangarembga eine Reihe sehr farbig geschilderter Frauenfiguren in den Roman gebracht. Tambu schicksalsergebene Mutter, die rebellische Nyasha, Nyashas Mutter Maiguru (hin und hergerissen zwischen Selbstbewusstsein als Akademikerin und ihrer Loyalität zu Babamukuru), die anpassungsbereite, aber durch kritisch-reflektierte Hauptfigur Tambu und auch die selbstbewusste, pragmatisch-kluge und lebenslustige Lucia (Schwester von Tambus Mutter). Mit eindrücklicher und einfühlsamer Sprache werden die Protagonist*innen in Szene gesetzt, ziehen die Leser*innen in ihren Bann und lassen mitfühlen – aber regen auch zur kritischen Diskussion über Leben, Herrschaft und Befreiung an.

Land: Simbabwe
Genre: Roman
Verlag: Orlanda, Berlin
Jahr: 2021
Seiten: 280
Rezension von HK am 20.01.2022

Christian Torkler

Christian Torkler: Der Platz an der Sonne

Josua Brenner wächst in ärmlichen Verhältnissen im Nachkriegsberlin auf. Der Vater ist verschwunden, die Mutter hält die Familie mit dem Verkauf von selbstgemachten Suppen auf Baustellen geradeso über Wasser. Obwohl Josua intelligent und erfolgreich in der Schule ist, kommt das Gymnasium für ihn nicht in Frage. Er kämpft sich durch Jobs wie das Bewachen von Autos auf dem Parkplatz eines teuren Restaurants, Taxi-Fahren, meist durch Schulfreunde oder Kumpels vermittelt. Mit Mut und Energie will er aus seinem Leben etwas machen, schafft es bis zum Inhaber einer gutlaufenden Schankwirtschaft, heiratet, bekommt einen Sohn, sorgt sich um Muttchen und engagiert sich für die Partei, die für so etwas wie Solidarität und Gerechtigkeit kämpft.

Es könnte eine klassische Berliner Milieugeschichte sein – doch einiges ist anders. Der Krieg endete in diesem Roman erst 1961 und Teil 1 der Geschichte spielt im zerbombten Berlin als Hauptstadt der Neuen Preußischen Republik (eines von fünf deutschen Ländern). Und es handelt sich offensichtlich um ein Entwicklungsland; die Geldgeber, deren Diplomaten, Entwicklungshelfer, Berater (genannt „Bongos“) kommen aus dem reichen afrikanischen Land Tansania. Als sich all seine Pläne in Berlin zerschlagen, macht sich Josua auf die Reise in dieses Land in der Sonne, von dessen paradiesischen Zuständen im sein Schulfreund Roller in einer Ansichtskarte geschwärmt hatte. Er geht den langen Weg eines illegalen Flüchtlings, der viele Länder durchqueren und das Mittelmeer gelangen muss. Der auf Solidarität und Mitmenschlichkeit stößt, aber auch auf unerbittliche und grausame Grenzpolizei und korrupte Schlepper, die die schutzlosen Flüchtlinge bis aufs Blut peinigen und ausbeuten. Was wird ihn im gelobten Land erwarten?

Das ist schon ein Roman, der die Leser*innen (im doppelten Wortsinn) „mitnimmt“. Man spürt hautnah die Härte dieses Lebens, das Leid, die Erschöpfung und das Wünschen, das Hoffen – man spürt das dünne Eis der Existenz und die Dünnhäutigkeit der Menschen. Insoweit ein ordentlicher Milieuroman. Der interessante Kniff, die Reichtums-Verhältnisse und Fluchtbewegung zwischen Nord und Süd umzudrehen, hat natürlich was – besonders für die Imagination der Flüchtenden im Kopf der Leser*innen, wird aber hinsichtlich von Genese und Beschaffenheit der Herrschaftsverhältnisse nicht so richtig durchbuchstabiert. Schließlich hat die Schilderung von Josuas Flucht ihre (beim Lesen etwas ermüdenden) Längen, aber – wenn Form und Inhalt übereinstimmen sollen – ihre Berechtigung. War eine interessante Lektüre!

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Klett Cotta, Stuttgart
Jahr: 2018
Seiten: 592
Rezension von HK am 07.12.2021

Ali Smith

Ali Smith: Herbst

Die neunjährige Elisabeth Demand ist mit ihrer Mutter in ein Dorf gezogen und freundet sich mit dem 77jährigen Nachbarn Daniel Gluck an. Eine besondere Beziehung, denn er nimmt sie als Person ernst, interessiert sich z.B. dafür, was sie liest, und erweitert mit Gedankenspielen und kreativen Geschichten ihren Horizont. Ihre Mutter hat eher weniger Zeit und Aufmerksamkeit für sie – wohl auch wegen heimlicher Treffen in einem Hotel, was Elisabeth herausfindet, hat aber auch Bedenken, wenn sich (die inzwischen 14jährige) Elisabeth so häufig mit dem Nachbarn trifft. Elisabeth studiert Kunstgeschichte, stößt zufällig auf einen Ausstellungskatalog der in Vergessenheit geratenen Pop-Art-Künstlerin Pauline Boty, ist fasziniert von ihr und schreibt darüber ihre Semesterarbeit. Inzwischen ist sie 32, kämpft auf dem Hauptpostamt mit dem Check-&-send-Verfahren zur Beantragung eines Reisepasses – ihr Passfoto entspricht nicht den Vorgaben und besucht regelmäßig Daniel, der inzwischen im Pflegeheim lebt und fast immer schläft.

Am überzeugendsten wirkt das Buch in jenen Passagen, die als Hommage an die Künstlerin Pauline Boty gelesen werden können. Frauen treten für ihre Rechte und Freiheit ein – da haben alle Männer zurückzutreten. Auch Daniel Gluck ist zwar zunächst der humanistische Pädagoge, ansonsten aber eher Zuschauer und letztendlich Patient – die Vorstellung von ihm als Mann findet sich höchsten in ironischen Anspielungen. Erfrischend sind die Seitenhiebe gegen die britische Politik des Brexits, der Abschottung vor Flüchtlingen, der Spaltung der Gesellschaft und der Verrohung der politischen Kultur. Ein flotter Sprachstil, wobei die Lust an Sprachspielereien ab und zu ins Kraut schießt. Viele kurze Kapitel schildern Ereignisse, wobei die Reihenfolge wohl dem Zufallsgenerator überlassen wurde. Irgendwie habe ich den Handlungsbogen nicht verstanden. Also, auf was soll’s denn rauslaufen?

Land: Groß-Britannien
Genre: Roman
Verlag: btb, München
Jahr: 2021
Seiten: 272
Rezension von HK am 06.12.2021

Cornelia Härtl

Cornelia Härtl: Über allem leuchtet ein Stern

Es ist Heiligabend und eigentlich will Elisabeth Mosler ihren Gasthof „Zum goldenen Stern“ abschließen, denn Gäste bevorzugen nun das neue Luxushotel „Grand Hotel Bergschloss“. Doch plötzlich taucht der alleinerziehende Anwalt Karlheinz Clausing mit seiner 17jährigen, pubertär schlecht gelaunten Tochter Annika auf, der den goldenen Stern in einem 10 Jahre alten Reiseführer gefunden hat. Dann streift ein Postauto den Wegweiser an der Hauptstraße, so dass alle, die zum Luxushotel wollen nun auch ihr landen. Ein Schneesturm, eine Lawine, kein Handyempfang und Ausfall des Festnetzes tun ihr übriges. Die gemütliche Gaststube ist bald von der Lehrerin Juliane Fritz und ihrer unleidlichen Mutter Luise, von dem lesbischen Paar Hanna Brandt und Roswitha Obermeier, von Sophie und Bernhard von Otter (beruflich aus der Medien- und Beratungsszene), von den sechsjährigen Zwillingen Lioba und Gustav mit ihrer Gouvernante Kordula Strothoff sowie vom prominenten, aber auf dem absteigenden Ast befindlichen Starkoch Marc-Oliver Brettschneider bevölkert. Glücklicherweise trifft überraschend Elisabeths Enkel Moritz mit umfangreichen Essensbeständen ein. Das Münchener Restaurant, in welchem er arbeitet, musste wegen Wasserrohrbruch schließen. So ist für das leibliche Wohl der weihnachtlichen Zwangsgemeinschaft gesorgt, was aber ist mit dem seelischen Empfinden?

In der Ausnahmesituation drängen sie an die Oberfläche – die „Päckchen, die alle mit sich schleppen“ – die Verlustangst der Mutter Luise hinter ihrer Feindseligkeit – das Kinderwunschthema von Sophie und Bernhard – das Problem, sich zur Beziehung zu bekennen, bei Hanna und Roswitha – Annikas Wunsch, ihr Vater möge die Mutter zurück gewinnen usw. Offen gesagt, es klingt etwas nach Küchenpsychologie und klischeehaften Lebensthemen. Aber dennoch – durch die einfühlsam und farbig gezeichneten Figuren, die sich letztendlich als tolerant und offen für andere Perspektiven erweisen, gelingt es Cornelia Härtl, eine positive und optimistische Grundstimmung zu erzeugen. Dazu kommt noch die verwunschen-weiße-Winter-Weihnacht-Stimmung, die den Gasthof wie die Handlung umhüllt. So habe ich es gern als modernes Weihnachtsmärchen gelesen.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Fischer, Frankfurt
Jahr: 2021
Seiten: 288
Rezension von HK am 22.11.2021