Heinrich Krobbach und Bücher
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Hallo und herzlich willkommen auf meiner Webseite!

Hier gibt es mich zu sehen und zu lesen.

Für Literaturliebhaber/innen meine Rezensionen gelesener Bücher. Über viele und nette Kommentare freue ich mich.
Rechts übrigens die neuesten Rezensionen.

Wer sich wundert, dass neuerdings so viele Krimis auftauchen. Seit dem Superstart der VHS-Lesungen "Tod im Turm" bekomme ich massenhaft Empfehlungen - ich bin sozusagen fast im Krimi-Lese-Stress. Aber es gibt auch immer wieder unblutige Literatur.

Ich suche natürlich auch Gäste für meine Ferienwohnung am schönen Traunsee (Österreich, Salzkammergut).

Viel Spaß beim Surfen
Heinrich Krobbach

Neue Bücher
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Nino Haratischwili

Nino Haratischwili: Das achte Leben

Von fast 1300 Seiten eine Inhaltsangabe zu erstellen, die die Vielzahl von Personen und Handlungssträngen auch nur annähernd schildert, ist schlicht nicht auf die Länge einer Rezension zu bringen. Es geht um 8 Leben – die Töchter eines georgischen Schokoladenfabrikanten, Stasia (geb. 1900) und Christine (geb. 1907), Stasias Kinder Kostja (geb. 1921) und Kitty (geb. 1924), Kostjas Tochter Elene (geb. 1953), ihre Töchter Daria (geb. 1970) und Niza (geb. 1973) sowie Darias Tochter Brilka (geb. 1993).

Die Geschichte dieser Familie Jaschi ist eng verwebt mit der Geschichte vom ausgehenden Zarenreich über die russische Revolution, die Stalinära bis hin zu Perestroika und dem Zerfall der Sowjetunion und reicht ins 21. Jahrhundert. Damit liefert das Buch auch einen anschaulichen Geschichtsunterricht und tiefe Einblicke in soziale und politische Umwälzungen, in kulturelle Prägungen bis in die (kollektive) Seele der Kaukasus-Republik.

Wie Menschen das alles erleben und verarbeiten, wäre schon Stoff genug für einen dicken Roman. Doch die Familie Jaschi (in enger Verquickung mit der Familie Eristawi) verstrickt sich auch noch in sich selbst und von Generation zu Generation wird die Last von tragischen Schicksalsschlägen, enttäuschten Lieben, zerschellten Hoffnungen und Verrat größer. Niemand scheint diesem Fluch (des geheimen Schokoladenrezepts?) entkommen zu können, egal wie sein/ihr Leben verläuft. Eine düstere Innerlichkeit, die (wie mir inmitten dieser fast 1300 Seiten öfters mal schien) ins Mysteriöse kippt und Empathie und Verständnis des Lesers schwächt. Das Weiterlesen wird dennoch befeuert vom immer wieder neu erzeugten Spannungsbogen der Handlung, von der Farbigkeit (auch schwarz ist eine Farbe) und der Kraft der gezeichneten Protagonisten und von der unglaublich gefühlvollen Poesie, mit der die Autorin sowohl höchstes Glück als auch tiefstes Leid sprachlich in Szene setzt. Also, es hat sich mehr als gelohnt durchzuhalten.

Land: Georgien
Genre: Roman
Verlag: Ullstein, Berlin
Jahr: 2018
Seiten: 1280
Rezension von HK am 20.08.2018

Aka Morchiladze

Aka Morchiladze: Reise nach Karabach

Der 24jährige Gio lebt in Tbilissi (Tiflis, Georgien), hängt mit seiner Clique ab (Alkohol, Kiffen, junge Frauen), was so ziemlich der einzige Lebensinhalt ist. Dann verliebt er sich in Jana; die wird schwanger und beide träumen von einer Familie. Doch sein herrischer Vater Tengiz ist dagegen und trennt die beiden (Jana wird offensichtlich zum Schwangerschaftsabbruch gezwungen). Dann überredet ihn sein Freund Gogliko nach Aserbaidschan zu fahren, um für einen Dealer Drogen zu kaufen. Sie verirren sich und geraten ins Kriegsgebiet Karabach (der Roman spielt 1992). Aus dem „Roadmovie“ (Klappentext) wird ein bizarrer Kriegsfilm, bei dem das eigene Leben am seidenen Faden hängt.

Sehr deutlich zeigt sich im Protagonisten die Fremdheit gegenüber den politischen Umwälzungen dieser Zeit, dessen Wunsch es eher ist, in Ruhe gelassen zu werden in der kleinen privaten Existenz, auch wenn er damit auch nicht so recht was anfangen kann. Irgendwie ein diffuses Leiden am Leben ohne eigenen Standpunkt. Auch die (wie auch immer) politisch überzeugten Kriegsparteien, die übrigens wie Karikaturen wirken, berühren ihn nicht. Mit jugendlicher Coolness durchlebt er Überfälle, Entführungen, Schießereien, als würde es als Schülertheater aufgeführt. Verlorenes Leben in verlorenen Gegenden dieser Welt – das wäre das einzige stimmige (wenn auch nicht tröstliche) Fazit dieser Geschichte aus der postsowjetischen Ära.

Land: Georgien
Genre: Roman
Verlag: Weigle, Bonn
Jahr: 2018
Seiten: 176
Rezension von HK am 28.07.2018

Francesca Melandri

Francesca Melandri: Alle, außer mir

Die Hauptfigur des Romans Attilio Profeti wurde 1915 in Lugo in Romagna als Sohn des Bahnhofsvorstehers geboren. 1935 bricht er sein Studium ab und zieht als Schwarzhemd (italienische Faschisten) in den Abessinienkrieg (völkerrechtswidrige Annexion Äthiopiens durch Italien). Und er hat immer Glück, wird nicht verletzt, kann sich aus den ärgsten Grausamkeiten heraushalten, wird nicht wegen seiner Beziehung zu der einheimischen Abeba verurteilt. Auch zurück in Italien ist im das berufliche Glück dank guter „Beziehungen“ hold. Er heiratet Marella und hat mit ihr 3 Kinder. Und er hat wieder Glück, dass seine parallele Beziehung zu Anita (1 Kind) nicht entdeckt wird. Zeitweise schafft er es, morgens sowohl Marellas Tochter Ilaria als auch Anitas Sohn Attilio junior zur Schule zu fahren. Es ist sein Lebensmotto: „Alle, außer mir“ (wird was passieren).

Doch die Geschichte wird andersrum erzählt. Die inzwischen 46jährige Ilaria trifft vor ihrer Wohnungstür auf einen jungen Flüchtling aus Äthiopien, der behauptet ihr Neffe zu sein. Sohn des Sohnes, den Attillio während seiner Zeit in Äthiopien mit Abeba gezeugt habe. Ihren nun 95jährigen und dementen Vater kann sie kaum damit befragen, also beginnt sie eine umfangreiche Recherche und fördert die wahre Geschichte ihres Vaters zu Tage. Diese opulente Familiengeschichte ist eingebettet in eine kenntnisreiche und schonungslose Schilderung der faschistischen Machtergreifung in Italien, des grausamen Eroberungs- und Vernichtungskriegs in Äthiopien und der aktuellen (2010!!!) unmenschlichen Behandlung von Flüchtlingen in Italien. Und das alles erzählt in einer kraftvollen poetischen Sprache, die Ereignisse wie Protagonisten in allen Farben und Schattierungen lebendig werden lässt. Man liest dieses Buch nicht, sondern man lebt in diesem Buch!

Land: Italien
Genre: Roman
Verlag: Wagenbach, Berlin
Jahr: 2018
Seiten: 608
Rezension von HK am 25.07.2018

Wilhelm Genazino

Wilhelm Genazino: Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze

Der Ich-Erzähler trifft auf einem Straßenfest seine Ex-Frau Sibylle wieder. Sie umgarnt ihn erneut, er entzieht sich, dann doch nicht. Bald ist er mit Sibylle wieder so zusammen, als wären sie verheiratet, doch dann verunglückt sie tödlich. Nun kommt zufällig seine Jugendliebe Christa ins Spiel, bis ihr wegen eines Krebsleidens beide Brüste amputiert werden und sie sich zurückzieht. In der Zwischenzeit ist die Ex-Freundin Frederike aufgetaucht. Bei allen Frauen gleich – sie sind der aktive Part, werfen ihm Antriebsschwäche vor, er weiß nie so recht, aber sie kümmern sich um ihn und wollen ihn (warum eigentlich?). Ihn, der nicht weiß, was er mit dem Leben anfangen soll, – der vor Langeweile durch die Straßen streunt – der abgewetzte Kleidung trägt, weil für ihn die Anstrengung, neue zu kaufen, zu viel ist – der arbeitslos ist, und die Frauen sich um einen Job für ihn bemühen.

Natürlich könnte man jetzt das ausführlich geschilderte Verhältnis des Protagonisten zu seiner (schon gestorbenen) Mutter mit jenem zu den Frauen vergleichen. Besonders an den Brüsten als Metapher. Aber da täte sogar Freud vor Langeweile(!) gähnen. Die Handlung mäandert so vor sich hin, wie auch der Protagonist – kein Schritt vor, keiner zurück. Er erscheint seltsam entrückt, nur lose mit der Wirklichkeit verbunden (immerhin das merkt er noch). Genazino erweist sich dabei aber als der Meister des Details und des Augenblicks und liefert sprachlich feinsinnig einen anderen Blick auf Mensch und Leben. So ist die Lektüre nicht ganz sinnfrei.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Hanser, München
Jahr: 2018
Seiten: 176
Rezension von HK am 15.07.2018

Eva Krüger

Eva Krüger: Schopenhauers Fluch

Daniel Rixen, ein Mann mit krimineller Vergangenheit, der nun sehr aktiv in einem Verein zur Resozialisierung jugendlicher Straftäter arbeitet, ist der beste Freund von Hauptkommissar Oliver Bellinger. Als Rixens frisch angetraute Frau Hannelore Baronin von Kisseleff in Bad Homburg ermordet wird, gerät Rixen unter Mordverdacht Verdacht, um sich das immense Erbe anzueignen. Bellinger muss gegen seinen Freund ermitteln, findet jedoch nicht den geringsten belastenden Hinweis. Kurz darauf werden zwei weitere Frauen ermordet – und beide waren mit ihren Männern auf der Hochzeit von Rixen. Doch wo ist der Zusammenhang? Eine gemeinsame dunkle Stelle in der Vergangenheit? Ein ehemaliger Mafioso und ein Buddhismus lehrender Hausmeister in der Gerichtsmedizin geraten ins Visier. Doch so früh im Buch gibt’s noch keine Lösung. Es muss erst noch viel schlimmer kommen und die jugendlichen Schüler des Hausmeisters müssen heimlich ermitteln, bis die überraschende Wahrheit ans Licht kommt.

Zunächst mal die Schwächen des Erstlingswerks. Die Schilderung Bellingers Sexsucht nach üppigen Blondinen (nachdem sich seine Frau von ihm getrennt hat) und die „Heilung“ durch Laura ist ziemlich überzogen dargestellt. Geographisch ist einiges nicht stimmig. Die Frankfurter Schopenhauerstraße liegt nicht in Bornheim, sondern im Nordend. Und Bellingers Fußweg von zu Hause zur Konstablerwache über den Sandweg ist ein ziemlicher Umweg. Aber das sind Kleinigkeiten. Sprachlich ist der Krimi sehr kompakt und flüssig geschrieben, und die Protagonisten sind insgesamt sehr farbig und pointiert gezeichnet (z.B. sehr gut – Staatsanwalt Kretschmer). Der Plot verweist auf psychologische Abgründe – da kommt man schon mal ins Nachdenken. Vor allem werden die Fäden geschickt ausgelegt, die Ermittler in die Irre geführt und die Spannung bis zum Schluss hochgehalten. Also Kompliment für ein Krimi-Debüt.

Land: Deutschland
Genre: Krimi
Verlag: Gmeiner, Meßkirch
Jahr: 2017
Seiten: 279
Rezension von HK am 08.07.2018