Heinrich Krobbach und Bücher
StartBücherLinkseMailImpressumDatenschutz

Hallo und herzlich willkommen auf meiner Webseite!

Hier gibt es mich zu sehen und zu lesen.

Für Literaturliebhaber/innen meine Rezensionen gelesener Bücher. Über viele und nette Kommentare freue ich mich.
Rechts übrigens die neuesten Rezensionen.

Wer sich wundert, dass neuerdings so viele Krimis auftauchen. Seit dem Superstart der VHS-Lesungen "Tod im Turm" bekomme ich massenhaft Empfehlungen - ich bin sozusagen fast im Krimi-Lese-Stress. Aber es gibt auch immer wieder unblutige Literatur.

Ich suche natürlich auch Gäste für meine Ferienwohnung am schönen Traunsee (Österreich, Salzkammergut).

Viel Spaß beim Surfen
Heinrich Krobbach

Neue Bücher
(auf den Titel klicken)

Wilhelm Genazino

Wilhelm Genazino: Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze

Der Ich-Erzähler trifft auf einem Straßenfest seine Ex-Frau Sibylle wieder. Sie umgarnt ihn erneut, er entzieht sich, dann doch nicht. Bald ist er mit Sibylle wieder so zusammen, als wären sie verheiratet, doch dann verunglückt sie tödlich. Nun kommt zufällig seine Jugendliebe Christa ins Spiel, bis ihr wegen eines Krebsleidens beide Brüste amputiert werden und sie sich zurückzieht. In der Zwischenzeit ist die Ex-Freundin Frederike aufgetaucht. Bei allen Frauen gleich – sie sind der aktive Part, werfen ihm Antriebsschwäche vor, er weiß nie so recht, aber sie kümmern sich um ihn und wollen ihn (warum eigentlich?). Ihn, der nicht weiß, was er mit dem Leben anfangen soll, – der vor Langeweile durch die Straßen streunt – der abgewetzte Kleidung trägt, weil für ihn die Anstrengung, neue zu kaufen, zu viel ist – der arbeitslos ist, und die Frauen sich um einen Job für ihn bemühen.

Natürlich könnte man jetzt das ausführlich geschilderte Verhältnis des Protagonisten zu seiner (schon gestorbenen) Mutter mit jenem zu den Frauen vergleichen. Besonders an den Brüsten als Metapher. Aber da täte sogar Freud vor Langeweile(!) gähnen. Die Handlung mäandert so vor sich hin, wie auch der Protagonist – kein Schritt vor, keiner zurück. Er erscheint seltsam entrückt, nur lose mit der Wirklichkeit verbunden (immerhin das merkt er noch). Genazino erweist sich dabei aber als der Meister des Details und des Augenblicks und liefert sprachlich feinsinnig einen anderen Blick auf Mensch und Leben. So ist die Lektüre nicht ganz sinnfrei.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Hanser, München
Jahr: 2018
Seiten: 176
Rezension von HK am 15.07.2018

Eva Krüger

Eva Krüger: Schopenhauers Fluch

Daniel Rixen, ein Mann mit krimineller Vergangenheit, der nun sehr aktiv in einem Verein zur Resozialisierung jugendlicher Straftäter arbeitet, ist der beste Freund von Hauptkommissar Oliver Bellinger. Als Rixens frisch angetraute Frau Hannelore Baronin von Kisseleff in Bad Homburg ermordet wird, gerät Rixen unter Mordverdacht Verdacht, um sich das immense Erbe anzueignen. Bellinger muss gegen seinen Freund ermitteln, findet jedoch nicht den geringsten belastenden Hinweis. Kurz darauf werden zwei weitere Frauen ermordet – und beide waren mit ihren Männern auf der Hochzeit von Rixen. Doch wo ist der Zusammenhang? Eine gemeinsame dunkle Stelle in der Vergangenheit? Ein ehemaliger Mafioso und ein Buddhismus lehrender Hausmeister in der Gerichtsmedizin geraten ins Visier. Doch so früh im Buch gibt’s noch keine Lösung. Es muss erst noch viel schlimmer kommen und die jugendlichen Schüler des Hausmeisters müssen heimlich ermitteln, bis die überraschende Wahrheit ans Licht kommt.

Zunächst mal die Schwächen des Erstlingswerks. Die Schilderung Bellingers Sexsucht nach üppigen Blondinen (nachdem sich seine Frau von ihm getrennt hat) und die „Heilung“ durch Laura ist ziemlich überzogen dargestellt. Geographisch ist einiges nicht stimmig. Die Frankfurter Schopenhauerstraße liegt nicht in Bornheim, sondern im Nordend. Und Bellingers Fußweg von zu Hause zur Konstablerwache über den Sandweg ist ein ziemlicher Umweg. Aber das sind Kleinigkeiten. Sprachlich ist der Krimi sehr kompakt und flüssig geschrieben, und die Protagonisten sind insgesamt sehr farbig und pointiert gezeichnet (z.B. sehr gut – Staatsanwalt Kretschmer). Der Plot verweist auf psychologische Abgründe – da kommt man schon mal ins Nachdenken. Vor allem werden die Fäden geschickt ausgelegt, die Ermittler in die Irre geführt und die Spannung bis zum Schluss hochgehalten. Also Kompliment für ein Krimi-Debüt.

Land: Deutschland
Genre: Krimi
Verlag: Gmeiner, Meßkirch
Jahr: 2017
Seiten: 279
Rezension von HK am 08.07.2018

Alexander Schimmelbusch

Alexander Schimmelbusch: Hochdeutschland

Die Hauptfigur Victor ist Investmentbanker und Chef der Birken Bank und spezialisiert auf Mergers & Acquisitions, also Fusionen und Übernahmen. Aus seiner Perspektive schildert der Autor (als beruflicher Insider) schonungslos das „Leben“ in dieser Szene – die Anbahnung, Vorbereitung und Durchführung millionenschwerer Geschäfte, fast völliger Verzicht auf Privatleben, nur instrumentelle Beziehungen zu Kolleg/inn/en und Geschäftspartnern mit der Hoffnung, sich mit 40 Jahren zur Ruhe setzen zu können. Ein sowas von irrer Trip, dass Victor nicht weiß, ob er mit seiner Vorstandspartnerin Julia (nach fünf durchgearbeiteten Tagen) wirklich geschlafen hat oder dies nur halluziniert. Doch Victor (geschieden) hat noch ein anderes Leben. Er liebt seine sechsjährige Tochter Victoria über alles, baut ihr ein Baumhaus, kocht für sie. Dennoch ist alles von einem untergründigen Schmerz über möglichen Verlust überlagert.

Soweit eine Geschichte, die – ehrlich gesagt – keine so richtige ist. Victor hat aber auch Visionen. Völlig gegen den Trend entwirft er das Bild einer Deutschland AG, die (statt Privatisierungen) Verstaatlichungen betreibt, durch soziale Gerechtigkeit (statt aberwitziger Vermögensungleichheit) Identifikation und Motivation schafft und somit auf dem Weltmarkt sich als starker Player behaupten kann. Als er dies niederschreibt und seinem alten Freund Ali Osman (türkischstämmiger Bundestagsabgeordneter der Grünen) schickt, macht dieser das zum Programm einer neuen Parteigründung, der „Deutschland AG“.

Was die Romanhandlung betrifft, wird’s auch gegen Schluss keine so richtige Sache, sondern nimmt eher eine reichlich schräge Wendung. Auch sprachlich sind Sätze oft „gedrechselt“, was wohl literarisch wirken soll, aber eher für den Lesefluss störend ist. Streckenweise gleicht es eher einem Essay und das ist – was die Deutschland AG betrifft – richtig gut.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Tropen, Stuttgart
Jahr: 2018
Seiten: 214
Rezension von HK am 04.07.2018

Lilo Beil

Lilo Beil: In kindlicher Liebe

Sophie, die Nichte der pensionierten Lehrerin Charlotte Rapp (Lebensgefährtin des Ex-Kripo-Chefs Ferdinand Guldner) erhält nach der Trennung von ihrem Freund Torsten mysteriöse Drohanrufe. Angst und Verunsicherung hemmen sie in ihrer Arbeit an der Restauration eines Bildes von einer schönen, aber eiskalt wirkenden Frau – der Mutter ihres Auftragsgebers Gabriel Vonderheit, der in einer vornehmen Bensheimer Villa (gemeinsam mit der dementen Mutter) lebt. Etwas gespenstisch ist die Szenerie schon, aber Sophie fühlt sich von dem wesentlich älteren Mann sehr angezogen. Gleichzeitig wurden in Darmstadt und Fürstenlager (nahe Bensheim) zwei Frauen getötet. Die Polizei geht von einem Serientäter aus. Ist vielleicht er Sophies Telefonstalker?

Lilo Beil hat mit Sophie, Charlotte und Ferdinand äußerst sympathische Protagonisten geschaffen. Wer könnte sich nicht an diesem warmherzigen, zugewandten kunstsinnigen, weltoffenen Familienszenario erfreuen? Die detail- und kenntnisreichen Schilderungen von Charlottes Garten und ihrer Kunstsammlung sind einfach nur schön. Andererseits schwächelt der Verlauf der Krimihandlung. Allzu eng sind die Fäden zu Beginn gesponnen, so dass die Spannung nur noch durch eine überraschende Wendung zu halten ist. Auch wenn wilde Finalszenen nicht das Faible von Lilo Beil sind, treibt die Handlung hier doch etwas zu harmlos dem Ende zu. Insgesamt hat es Spaß gemacht, die ca. 160 Seiten zu lesen.

 

Land: Deutschland
Genre: Krimi
Verlag: Conte, St. Ingbert
Jahr: 2018
Seiten: 180
Rezension von HK am 23.06.2018

Daniel Galera

Daniel Galera: So enden wir

Aurora, Antero, Emiliano und Andrej Dukelski, genannt Duke (sie sind 20 – 25 Jahre alt) betreiben Mitte der 1990er in Brasilien das Online-Magazin Orangotango. Ein Projekt der späten Gegenkultur – Literatur, Szene-Kultur, Aktionskunst (z.T. pornografisch). In der Jetzt-Zeit des Romans (2014) treffen sich die drei erstgenannten wieder, und zwar auf der Beerdigung von Duke (inzwischen erfolgreicher Schriftsteller), der bei einem Raubüberfall erschossen wurde. Aurora promoviert in Mikro-Biologie, Emiliano ist Journalist und Antero Inhaber einer erfolgreichen Werbeagentur. Außer von dem Austausch von Erinnerungen erfahren wir, dass Aurora das Ende der Welt kommen sieht, Emiliano den Auftrag erhält, eine Biografie über Duke zu schreiben, und beginnt zu recherchieren, Antero einen bizarren Vortrag über Marquis de Sade in der Werbung hält. Außerdem ist Aurora von Antero schwanger (sie hatten Sex am Abend von Dukes Beerdigung) und abtreibt. Antero wird von seiner Frau Giane vor die Tür gesetzt. Aurora will aufs Land an einen Ort, wo alle vier 1999 gezeltet haben (ein Anwesen von Emilianos Eltern).

So wechselt halt ein Kapitel das andere ab – jeweils als Ich-Erzählung eines der drei Überlebenden. Und diese Erzählungen plätschern emotionslos dahin. Keine Menschen aus Fleisch und Blut (außer vielleicht beim Masturbieren), bisserl Geist, aber seelenlos. Wenn’s das ist, ja dann – so enden wir. So endet dann aber auch Literatur, die noch was will.

 

Land: Brasilien
Genre: Roman
Verlag: Suhrkamp, Berlin
Jahr: 2018
Seiten: 231
Rezension von HK am 22.06.2018