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Christian
Torkler

Christian Torkler: Der Platz an der Sonne

Josua Brenner wächst in ärmlichen Verhältnissen im Nachkriegsberlin auf. Der Vater ist verschwunden, die Mutter hält die Familie mit dem Verkauf von selbstgemachten Suppen auf Baustellen geradeso über Wasser. Obwohl Josua intelligent und erfolgreich in der Schule ist, kommt das Gymnasium für ihn nicht in Frage. Er kämpft sich durch Jobs wie das Bewachen von Autos auf dem Parkplatz eines teuren Restaurants, Taxi-Fahren, meist durch Schulfreunde oder Kumpels vermittelt. Mit Mut und Energie will er aus seinem Leben etwas machen, schafft es bis zum Inhaber einer gutlaufenden Schankwirtschaft, heiratet, bekommt einen Sohn, sorgt sich um Muttchen und engagiert sich für die Partei, die für so etwas wie Solidarität und Gerechtigkeit kämpft.

Es könnte eine klassische Berliner Milieugeschichte sein – doch einiges ist anders. Der Krieg endete in diesem Roman erst 1961 und Teil 1 der Geschichte spielt im zerbombten Berlin als Hauptstadt der Neuen Preußischen Republik (eines von fünf deutschen Ländern). Und es handelt sich offensichtlich um ein Entwicklungsland; die Geldgeber, deren Diplomaten, Entwicklungshelfer, Berater (genannt „Bongos“) kommen aus dem reichen afrikanischen Land Tansania. Als sich all seine Pläne in Berlin zerschlagen, macht sich Josua auf die Reise in dieses Land in der Sonne, von dessen paradiesischen Zuständen im sein Schulfreund Roller in einer Ansichtskarte geschwärmt hatte. Er geht den langen Weg eines illegalen Flüchtlings, der viele Länder durchqueren und das Mittelmeer gelangen muss. Der auf Solidarität und Mitmenschlichkeit stößt, aber auch auf unerbittliche und grausame Grenzpolizei und korrupte Schlepper, die die schutzlosen Flüchtlinge bis aufs Blut peinigen und ausbeuten. Was wird ihn im gelobten Land erwarten?

Das ist schon ein Roman, der die Leser*innen (im doppelten Wortsinn) „mitnimmt“. Man spürt hautnah die Härte dieses Lebens, das Leid, die Erschöpfung und das Wünschen, das Hoffen – man spürt das dünne Eis der Existenz und die Dünnhäutigkeit der Menschen. Insoweit ein ordentlicher Milieuroman. Der interessante Kniff, die Reichtums-Verhältnisse und Fluchtbewegung zwischen Nord und Süd umzudrehen, hat natürlich was – besonders für die Imagination der Flüchtenden im Kopf der Leser*innen, wird aber hinsichtlich von Genese und Beschaffenheit der Herrschaftsverhältnisse nicht so richtig durchbuchstabiert. Schließlich hat die Schilderung von Josuas Flucht ihre (beim Lesen etwas ermüdenden) Längen, aber – wenn Form und Inhalt übereinstimmen sollen – ihre Berechtigung. War eine interessante Lektüre!

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Klett Cotta, Stuttgart
Jahr: 2018
Seiten: 592
Rezension von HK am 07.12.2021
Roman
(592 Seiten)
Deutschland