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Ingo Schulze: Peter Holtz

Der Roman schildert das Leben von Peter Holtz, Jahrgang 1962, in der DDR von seinem 12. Lebensjahr an bis in die Zeit nach der Wende. Er wächst in einem Kinderheim auf, da seine Eltern (angeblich) bei einem Autounfall verunglückt sind (der Leser ahnt schon – sie sind in den Westen geflüchtet). Später wird er von Herrmann und Beate Grohmann adoptiert. Das Auffallendste – auch für seine zeitgenössischen Freunde – an ihm ist sein bruchloser und naiver Glaube an den (DDR-)Sozialismus. Einer Punk-Band bringt er Texte sozialistischer Kampflieder bei und wundert sich, dass diese Aufführung den „Offiziellen“ gar nicht gefällt. Als er von der Stasi angeworben wird, ist er so stolz, dass er dies rumerzählt. Dann gerät er in die christlichen Kreise seiner Freunde und lässt sich von der Logik einer Predigt überzeugen. Fortan ist er Christ und Kommunist und hält dies für die konsequent-logische Verbindung.

Nach der Schule wird er Maurer und leitet eine Jugendbrigade. Zu ihrem 65. Geburtstag schenkt ihm Frau Schöntag (Besitzerin des Hauses, in dem er mit Beate und Herrmann lebt) einen Trabi und eben dieses Haus. Später bekommt er weitere Häuser geschenkt. Alle Freunde warnen ihn vor dem finanziellen Ruin, weil viel Geld für die Unterhaltung notwendig ist, aber nur geringe Mieteinnahmen zu erzielen sind. Er findet dies alles einen sinnvollen Beitrag zum Erhalt der sozialistischen Gesellschaft. Und dann kommt die Wendezeit…

Peter ist inzwischen durch Joachim Lefèvre (ein Freund von Grohmanns) zur Ost-CDU gekommen und engagiert sich dort politisch. Lefèvre wird schließlich nach den ersten Wahlen in der DDR Ministerpräsident. Ob Peter ebenfalls noch in die Zeit gepasst hätte, mag bezweifelt werden. Hielt er doch die Revolution für einen Schritt zu einem demokratischen Sozialismus. Peter wird jedoch von einem Auto angefahren und liegt 6 Monate im Koma. Als er wieder erwacht, sind die politischen Verhältnisse (wie historisch bekannt) geklärt.

Jetzt kommt der Schelmenroman, zu dem Ingo Schulze das Buch im Nachwort erklärt. Die vielen geschenkten Häuser in den besten Lagen Berlins machen Peter zum Multimillionär. Auch damit geht er völlig unbefangen und auch geschäftlich naiv um. Beate (inzwischen eine wichtige Managerin der Deutschen Bank) ist fassungslos, dass er einem russischen Freund ohne jegliche Sicherheit 100.000 DM leiht. Doch 10 Jahre später zahlt dieser mit Zinseszins 1,2 Millionen an Peter zurück. Interessanter Weise lässt sich Peter von Geschäftsfreunden von der Logik der kapitalistischen Marktwirtschaft überzeugen. Dennoch will er unbedingt all sein Geld loswerden und greift zu aufsehenerregenden Mitteln.

Ein opulentes Werk von fast 600 Seiten, das Ingo Schulze hier vorgelegt hat. Die obige Beschreibung konnte nur verkürzt die Entwicklung des Peter Holtz schildern. Im Roman geht es um viel mehr – kaum ein Lebensbereich im Spannungsfeld zwischen Alltagsleben und Staatsdoktrin, der nicht ausgeleuchtet wurde. Eine Geschichte der DDR, die Platz nehmen kann zwischen Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ und Uwe Tellkamps „Der Turm“.

Bliebe der Figur des Peter Holtz. Ob DDR-Sozialismus, Christentum oder Marktwirtschaft – immer wieder scheint für ihn die innere Logik das entscheidende Kriterium zu sein. Und stören tut ihn höchstens ein Widerspruch zwischen Anspruch und Realität, also dass die jeweilige „Maschine“ nicht richtig funktioniert. Sein Verhalten, seine Beziehungen zu anderen Menschen erscheinen rationalistisch, oft situationsunangemessen und wenig von Gefühl bestimmt. Ein Mensch ohne Werte, der unbefangen bis naiv – und auch noch so ein bisschen wie Hans im Glück – durch das Leben gleitet. Ein literarisches Phantom.

 

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Fischer, Frankfurt
Jahr: 2017
Seiten: 576
Rezension von HK am 09.03.2018