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Dörte Hansen: Mittagsstunde

Ingwer Feddersen ist im kleinen nordfriesischen Dorf Brinkebüll aufgewachsen als Sohn von Marret (Tochter von Ella Feddersen). Ella und ihr Mann Sönke sind die Gastwirte im Ort. Marret ist „nicht von dieser Welt“, streift durch die Landschaft, sammelt alle möglichen nutzlosen Dinge, redet kaum und ist meist abwesend. So wird Ingwer eher von seinen Großeltern erzogen, wobei Sönke wie selbstverständlich annimmt, dass er später die Gastwirtschaft übernehmen wird. Doch Ingwer wird vom Dorfschullehrer Steensen für das Gymnasium empfohlen, studiert später und ist nun Professor für Archäologie in Kiel. Er nimmt ein Sabbatjahr und kehrt 50 Jahre nach seiner Kindheit ins Dorf zurück, um seine gebrechlichen Eltern zu pflegen. In Rückblicken auf die Vergangenheit entfaltet sich seine Lebensgeschichte und die Geschichte des Dorfes von den 1960er Jahren bis heute. Damals in traditionell bäuerlichen Verhältnissen (kleine Betriebe mit vielfältiger Feld- und Viehwirtschaft), sehr naturnah (bzw. den Naturgewalten ausgesetzt) mit Aufgehoben sein in der Dorfgemeinschaft mit ihren Regeln, Gebräuchen, Tabus, aber auch akzeptierten Gewaltverhältnissen. Dann die Flurbereinigung, der Wandel in der Landwirtschaft zu spezialisierten Großbetrieben, Naturzerstörung, Straßenbau – die Leute haben Autos und fahren zum Aldi (statt in Dora Koopmanns Dorfladen einzukaufen) und die Jüngeren fahren in die Disko (statt ins Gasthaus Feddersen) – und rasen sich die Köpfe ein. Und schließlich Windkraftanlagen, Solarparks – und in der alten Mühle leben Alternative aus Berlin und Hamburg.

Ach, die Beschreibung will mir nicht gelingen. Zuviel Geschichte der Alltagskultur im Wandel von der bäuerlichen Lebensweise zur (Post-)Moderne ist in diesem Roman in wunderbar anschaulicher Weise und in sprachlich lebendigen Bildern und Szenen beschrieben, als dass ich es in kurzer Inhaltsangabe darstellen könnte. Soviel müsste noch berichtet werden. Von Ingwers Zerrissenheit zwischen Dorf- und Uni-Leben, seiner Verlorenheit im Dreiecksverhältnis zwischen ihm, Ragnhild und Claudius. Am besten selber lesen – diese melancholisch-schöne Geschichte. Nur noch ein erhellendes Zitat: „Es war ein großes Missverständnis. Die Leute aus der Großstadt suchten die Natur und das Ursprüngliche, und in den Dörfern wurde es gerade abgeschafft.“

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Penguin, München
Jahr: 2018
Seiten: 320
Rezension von HK am 12.08.2019