Drucken

Marc Elsberg: Gier. Wie weit würdest du gehen?

In Berlin ist eine Menge los. Anlässlich eines Sondergipfels von Staatschefs und Wirtschafts- und Finanzgrößen (neue internationale Finanzkrise) finden seit Tagen Massendemonstrationen gegen soziale Ungleichheit und Kapitalismus statt, die die halbe Innenstadt lahmlegen. Auf dem Weg zum Gipfel stirbt der Wirtschafts-Nobelpreisträger Herbert Thompson bei einem Autounfall. Jan Wutte, ein zufälliger Zeuge, sieht, dass bullige Männer in schwarzen Anzügen, den auf dem Dach liegenden Wagen mit Benzin absichtlich in Brand setzen. Alle Insassen sterben, doch Wiil Cantor, ein Begleiter von Thompson, flüstert kurz vorher noch zwei Namen. Als Augenzeuge und mit diesem Wissen gerät Jan ins Visier der Killer – eine wilde Verfolgungsjagd durch Berlin beginnt. Jan findet in dem genialen Mathematiker und Spieler Fitzroy Peel den Mann, dessen Name Will Cantor geflüstert hatte. Nun werden sie beide gejagt, versuchen aber auch hinter den Grund zu kommen, warum die Thompson und Cantor umgebracht wurden. Offensichtlich wollte Thompson auf dem Gipfel eine Rede halten, die einen Abschied von grundlegenden kapitalistischen Prinzipien fordert. Mit Unterstützung von klugen Kapitalismuskritikerinnen (aus einem besetzten Haus, in das sie sich geflüchtet hatten) entschlüsseln sie das wirtschaftsmathematische Prinzip, das Thompson im Auge hatte. Schließlich gewinnen sie die Unterstützung von Jeanne Dalli (Assistentin des milliardenschweren Investors Ted Holden – und zweiter Name, den Will Cantor vor seinem Tod genannt hatte) und gehen aufs Ganze – auf den Krisengipfel.

Kompliment an den Autor, dass er bei der Dramaturgie der Verfolgungsjagden einigermaßen den Überblick behalten hat. Erst jagen die Killer Jan und dann auch Fitzroy. Die Polizei sucht die auch. Dann jagt die Polizei auch die Killer. Dann werden die Killer von einem mysteriösen anderen Trupp attackiert. Und dauert jagt die Polizei natürlich Demonstranten. Es braucht etwas Konzentration, um die Zusammenhänge im Auge zu behalten, aber spannend wars schon. Eher langatmig fand ich die detaillierten Beschreibungen der wirtschaftsmathematischen Modelle. Die sollten wohl zeigen, dass die herrschenden Wirtschaftsmodelle in ihrem Wahrheitsanspruch pure Ideologie sind und sozialer Ausgleich und wirtschaftlicher Erfolg sich nicht ausschließen. Hätte alles aber viel gestraffter sein können. Recht realitätsnah schienen mir die zynische Denke der Finanzhaie, die egoistische Gier und Korrumpierbarkeit der „Weltenlenker“ beschrieben. Insgesamt ein spannender und unterhaltsamer Thriller über Gier, Macht, Zerstörung der Welt und einige Alternativen.

Land: Österreich
Genre: Thriller
Verlag: Blanvalet, München
Jahr: 2019
Seiten: 448
Rezension von HK am 30.08.2019