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Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht

Jannis (5 Jahre) ist vom Schulflohmarkt in Wiesbaden-Biebrich einem Mann mit einem Teddybären gefolgt, der ihn dann niedergeschlagen und im Auto entführt hat. Mutter Lea Meiniger und Tochter Sarah haben nichts bemerkt. Die beiden Kriminalkommissare Ben Neven und Christian Sandner verfolgen mit Unterstützung ihres Kollegen Mark Lederer die dürftigen Spuren (Bilder von Überwachungskamera). Auch die Recherche eines ähnlichen Falls vor zwei Jahren in Innsbruck bringen sie nicht weiter. Bis schließlich Hinweise aufgrund eines öffentlichen Aufrufs sie ins Zielgebiet führen. Dort erwartet sie ein noch tieferer Abgrund menschlichen Verhaltens.

Der Leser weiß zu diesem Zeitpunkt (durch Zwischenkapitel) vom Täter, so dass es ab Mitte des Buches um die Frage geht, ob sie ihn kriegen 8und den Jungen retten können). Der Spannung tut dies jedoch keinen Abbruch, wobei am Ende etwas zu viel „Kommissar Zufall“ nachhilft. Breiten Raum nehmen die Gefühlslagen der Beteiligten ein, was bezüglich der Angst von Jannis‘ Familie in sehr einfühlsamer Weise geschieht und den Kriminalroman bereichert. Die entrückt wirkenden Stimmungen und Tagträume der Polizisten Ben und Christian empfand ich eher (ohne richtigen inhaltlichen Bezug zur Handlung oder selbst zum Thema werdend) aufgesetzt und auch unverständlich (z.B. „Christian entfernt sich, gleitet ab in die graue Welt. Ein graues Lachen, es berührt die Oberfläche seiner Augen“). Bei aller Poesie, für die der Autor gelobt wird, es fehlt der Fokus, der innere Bezug dieser Stimmungsbilder und Nebenhandlungen (Christians Gespräche mit Nadine, Landmanns traurige Geschichte mit seiner Tochter Barbara). Ich fühlte mich zwar in einzelne Szenen innerlich „hineingezogen“, nicht aber in die ganze Geschichte. Nach „Sakari lernt, durch Wände zu gehen“ wurden meine positiven Erwartungen nicht erfüllt.

 

Land: Deutschland
Genre: Krimi
Verlag: Galiani, Berlin
Jahr: 2020
Seiten: 320
Rezension von HK am 01.02.2020