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Erich Kuby: Rosemarie

Sitzung des „Isoliermattenkartells“ im Frankfurter Palasthotel, wobei sich hinter diesem Fantasienamen ein Treffen der mächtigsten Großindustriellen im Nachkriegsdeutschland verbirgt, mit einem Ministerialrat der Bundesregierung. Es geht um geheime Pläne zur Entwicklung von Atomtechnologie. In einer Pause sieht Bruster, der Chef der Abruda-Werke, eine junge Frau im Hof des Hotels und wirft ihr – nach Augenkontakt – einen Zettel zu „20 Uhr vor dem Hotel, beescher SL“. Die junge Frau – Rosemarie – kommt wirklich, steigt jedoch aus Versehen in den Wagen des Konzernchefs Hartog. Die Affäre beginnt, Hartog richtet Rosemarie eine Wohnung im Dornbusch ein. Dort wird sie schließlich auch von Bruster besucht. Als Hartog dies bemerkt, reagiert er eifersüchtig und wendet sich ab. Bruster erweist sich nicht nur als Liebhaber, sondern auch als Rosemaries Marketing-Berater und leiht ihr Geld für eine luxuriöse Wohnung am Eschersheimer Tor. Der Aufstieg Rosemaries zur bekannten Edelprostituierte beginnt, sie schafft sich mit viel Geschäftssinn einen Kundenkreis aus der wirtschaftlichen Elite – und gerät in Ränkespiele, die sie nicht mehr kontrollieren kann.

Der Mord an Rosemarie Nitribitt und die Spekulationen über Motiv und Mörder bieten dem Autor viel Stoff seine Themen zu entwickeln. Es beginnt mit der Gedankenwelt und Moral der Großindustriellen in der Nachkriegszeit (allen voran Hartog – unverkennbar die Romanfigur des Krupp-Erben Haralds von Bohlen und Halbach), in der es unhinterfragt um Geld und Macht geht, während der Rest der Menschheit zu formende Verfügungsmasse darstellt. Und zwar besonders die Frauen als Schmuckwerk oder eben als Objekt der Begierden. Damit sind wir bei Kubys zweitem Thema. Wie passt die eher ungebildete, sexuell nicht sonderlich ambitionierte, zickige, aber geldgierige und geschäftstüchtige Prostituierte in diese Welt. Es sind die Verfügbarkeit und Käuflichkeit, aber besonders die Formbarkeit, die besonders Bruster auskostet, der aus der unscheinbaren Frau ein erotisches Hochglanzprodukt macht. Diese geteilte Geschäftsdenke (von Geist will ich nicht reden) macht den Reiz des gemeinsamen Spiels aus. Willkommen im Wirtschaftswunderland und der verheißungsvollen Warenwelt, die sogar Gefühle handelbar macht. Als soziologisch geschärftes Sittengemälde der 1950er Jahre ist es eine anregende und gelungene Lektüre. Störend empfand ich oft die bis zur Unverständlichkeit komplexen Satzungetüme

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Schöffling, Frankfurt
Jahr: 2020
Seiten: 320
Rezension von HK am 23.03.2020