Drucken

Rick Elfenjoch: NIHIL

Der Protagonist arbeitet als Marketingfachmann in einer Stadt, in der die Ortsbezeichnungen z.B. „Jeff-Bezos-Straße“ oder „Bill-Gates-Allee“ lauten. Sein Leben verläuft bestens, bis er am 25. Oktober 2039 ein Problem hat: Er wird vom GRID (Global Repository of Identities) nicht mehr erkannt. Weder funktioniert die automatisierte Frühstückslieferung, noch kann er ein öffentliches Verkehrsmittel nutzen oder etwa im Supermarkt einkaufen. Überall dort gewährt ihm der in die Hand implantierte Chip keinen Zugang mehr, sondern weist ihn als NIHIL (Not Identifiable Human Individual) aus. Gleiches passiert in seiner Firma, wobei sein verständnisvoller Chef ihn in den Urlaub schickt, da der Fehler im GRID, der auch bei vielen anderen auftauchte, angeblich in Kürze behoben werde. Doch zunächst ist er ein Ausgeschlossener, dem es nicht mal gelingt, etwas zu essen zu besorgen. Da stößt er auf einen sehr alten Gutschein des Online-Shops „Wünsche werden wahr“ seines alten Schulfreundes Theo. Der Zugang funktioniert tatsächlich noch, er kann sich Astronautennahrung bestellen und beschließt, Theo einen Besuch abzustatten. Dabei wird er Mitwisser eines teuflischen, massenmörderischen Plans zur Dezimierung der Menschheit.

Viele der Technikabhängigkeiten, die hier auftauchen, sind uns allen bekannt. Doch hier kommen sie alle zusammen – und es fehlen (weitgehend) die außerdigitalen Alternativen. Soweit die konventionelle Dystopie, deren Ironie schon darin besteht, dass der Protagonist über einen althergebrachten Online-Zugang mit Benutzername und Passwort glücklich ist. Gut kontrastiert wird auch das Spannungsfeld zwischen materieller Existenz (Hunger, soziale Ausgrenzung, aber auch Radtour durch idyllische Naturlandschaft) und virtueller Identität (als ausbeutbares Datenprofil) sowie zwischen Moral und Ökonomie. Jedoch ist es etwas zu klar, auf welcher Seite das Gute und wo das Schlechte liegt. Das mindert den Spannungsbogen, was auch nicht durch überbordende moralische Gefühlsaufwallungen des Protagonisten kompensiert werden kann. Dennoch – schön geschrieben und ein wichtiger Denkanstoß.

Land: Deutschland
Genre: Dystopie
Verlag: Jochen Frickel, Bischofsheim
Jahr: 2019
Seiten: 149
Rezension von HK am 02.08.2020