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Juan S. Guse: Miami Punk

Der Atlantik hat sich urplötzlich zurückgezogen; seitdem liegt zwischen Miami und den Bahamas eine riesige gebirgige Wüste. Miami selbst ist wirtschaftlich am Boden; Ordnungsstrukturen haben sich partiell aufgelöst und Alligatoren treiben sich so vermehrt im Stadtgebiet herum, dass es spezielle Ringer-Vereine gibt, die die Reptilien bekämpfen und niederringen. Robin arbeitet (unterfordert) in der IT-Abteilung der Life-Science-Firma Nowak, spielt abends online Kampfspiele, programmiert ein Computerspiel „Das Elend der Welt“, das interaktiv die Biografie der User integrieren soll, und hängt am Wochenende mit Ihrer Liebespartnerin Daria ab, die in einer Behörde „55“ arbeitet, die erforschen soll, was in Miami gesellschaftlich seit dem Verschwinden des Meeres warum passiert. Im Fokus steht dabei der „Kongress“, der permanent in verschiedenen Ebenen des Rowdy Yates Komplexes (einer riesigen Wohnanlage – fast Stadt in der Stadt – mit 7 Wohntürmen) tagt. Der Kongress ist ein vielgestaltiges offenes Forum für alle Teilnehmenden und alle Themen zur Situation in Miami und überhaupt und zu Zukunftsperspektiven, wird allerdings von den Behörden als subversiv und esoterisch misstrauisch beäugt und ausspioniert. Robins Cousin Lint engagiert sich dort und nabelt sich von seiner Familie ab, zumal dort die Konflikte zwischen seiner Mutter Norma und Vater Loyd eskalieren. Dieser fährt jeden Morgen pünktlich zur Arbeit in den Hafen, obwohl er schon lange keine Arbeit mehr hat. Dann gibt es noch „Pilger“, die in die Wüste (des ehemaligen Meeres) ziehen, aber von der Küstenwache aufgehalten werden. Weiterhin auch Todesschwadronen, die Wohnkolonien ehemaliger Triebtäter angreifen. Und schließlich eine Gruppe junger Deutscher, die zum letzten großen Turnier von Counterstrike 1.6., das in Miami ausgetragen wird, anreisen. Diese Geschichte ist eine parallele Handlung, die von einem Ich-Erzähler berichtet wird.

Wobei Handlung in diesem über 600 Seiten starken Buch eher rudimentär zu verstehen ist. Eher als Panoptikum von Alltagsszenen und (vorwiegend negativen) Befindlichkeiten der Protagonist:innen. Ergänzt durch Berichte vom CS-Tournier und von Tagebuch-Auszügen eines „Pilgers“ sowie einigen Kapiteln ohne Leerzeichen und Absätze zwischen den Wörtern (die ich überschlagen habe). Das alles hat in schöner Übereinstimmung von Form und Inhalt ziemliches dystopisches Potenzial. Dennoch – bei aller Auflösung physikalischer, gesellschaftlicher, psychischer Realität und auch Abwanderung in die digitale – da ist mir zu viel „Schlaf“ und passives Erleben und zu wenig treibende Spannung in den Menschen, zwischen den Menschen und zwischen Menschen und der Welt. Kein Vergleich mit José Saramago (den das begeisterte Feuilleton m.E. qualitativ zu Unrecht herstellt). Nur der Hinweis der Schenkenden, dieses Buch hätte noch nie jemand zu Ende gelesen, hat mich vom Abbruch abgehalten.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Fischer, Frankfurt
Jahr: 2019
Seiten: 640
Rezension von HK am 05.05.2021