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Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau etc.

Geschildert werden die Lebensgeschichten von (nach dem Inhaltsverzeichnis) 12 Frauen bzw. als Frau Geborene in Groß-Britannien, die alle miteinander in Verbindung stehen. Sie waren oder sind zueinander Großmütter, Mütter und Töchter, Lehrerinnen und Schülerinnen, Kolleginnen, Mitstudierende, Liebespartnerinnen usw. Gemeinsam ist allen: Sie sind People of Colour. So ist das Leben der ältesten geprägt von der Einwanderung aus amerikanischen oder afrikanischen Ländern und von offen feindseligem Rassismus der „Bio-Engländer*innen“. Die Themen der mittleren Generation waren (mehr oder weniger kritische) Bemühungen um Anerkennung und Integration und der Kampf gegen eher subtilen Rassismus und Diskriminierung, während die Jüngeren sich selbstbewusst mit Post Colonial Studies befassen und ihre Identität entwickeln. Dazu gehört 19jährige Studentin Yazz, Tochter der lesbischen Amma, durch eine Samenspende des schwulen Lifestyle-Professors Roland gezeugt. Amma, inzwischen Mitte 50 (sie bildet den Mittelpunkt dieses Biografie-Mosaiks) ist Theatermacherin, und die Premierenparty ihres Stücks „die letzte Amazone von Dahomey“ wird zur schonungslosen Bühne des Wiedersehens der in die Jahre gekommenen Generation Aufbruch.

Mehr beeindruckt haben mich die Geschichten der Frauen, die meist wie literarisch ausgeschmückte Kurz-Biografien wirken. Gerade der Wechsel zwischen distanzierter Schilderung und sprachlich-barocker Ausmalung von Gefühlen, Ängsten, Begierden und Szenen haben mich berührt. Zeitweise war die Vielzahl der Personen, die alle irgendwas familiär-biografisch miteinander zu tun haben, etwas verwirrend, und es bedurfte öfters des Zurückblätterns, um den Zusammenhang zu erkennen (besonders auch hinsichtlich der Zeitebene). Beschämend und eine Mahnung ist die Schilderung des vielfältigen vom lebensbedrohlichen bis zum beleidigenden Rassismus und damit auch beeindruckend die Stärke der Betroffenen, dies auszuhalten und / oder dagegen anzukämpfen. Die große Stärke des Buches ist, wie differenziert all diese starken Figuren gezeichnet werden. Nicht alle Unterdrückten sind immer gut, und nicht alle Unterdrücker sind (nur) schlecht. Und die Frage, ob die Kritik im Theater, dass die in der Reihe davor sitzende (PoC-)Frau eine sichtversperrende üppige Friseur trägt, eine Mikroaggression ist, bleibt erfrischender Weise offen.

Land: Groß-Britannien
Genre: Roman
Verlag: tropen, Stuttgart
Jahr: 2021
Seiten: 512
Rezension von HK am 17.07.2021