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Christian Kracht: Eurotrash

Der Ich-Erzähler gibt sich (mit Verweis darauf, dass er vor 25 Jahren den Roman Faserland geschrieben hat) sehr deutlich als der Autor Christian Kracht zu erkennen. Er ist auf dem Weg nach Zürich zu seiner 80jährigen, alkoholkranken Mutter, die er nur widerwillig besucht. Dies wird verständlich angesichts seiner eingestreuten Erinnerungen an die „zutiefst gestörte Familie“. Der Großvater (mütterlicherseits) ein eingefleischter Nazi (sowohl vor als auch nach 1945) und (posthum entdeckter) Neigungen zu SM-Praktiken. Sein Vater (seit 10 Jahren tot) ein Emporkömmling, der als Generalbevollmächtigter von Axel Springer Karriere machte und zu Prominenz und Reichtum kam, dies aber durch Protzgehabe, Angeberei und Erniedrigung anderer sich immer wieder bestätigen musste. Der Besuch bei der Mutter besteht aus bruchstückhaften Erinnerungen an früher, aus wechselseitigen Vorwürfen, wer wen vernachlässigt hat und mündet schließlich in eine bizarre Taxifahrt durch die Schweiz. Zunächst zu einer Kommune, die sich jedoch als nazi-affin herausstellt, dann ins Gebirge, um – vergeblich – nach Edelweiß zu suchen, dann auf den Friedhof in Genf zum Grab von Jorge Borges (das finden sie), dann zum Flughafen nach Genf, um nach Afrika zu reisen, dann… (der Schluss wird nicht verraten).

Erstmal das Positive: Schreiben kann er – klar, flüssig, plastisch. Das war’s. Irritierend, wenn nicht gar verstörend, fand ich diese „Autofiktion“, die weitgehend im Unklaren lässt, welche Geschehnisse in dieser (durchaus real prominenten) Herkunftsfamilie Realität und welche Fiktion waren. Was soll ich anfangen mit einer Abrechnung des Autors / Erzählers mit seiner Familie, wenn Teile der Schilderungen wahrscheinlich erfunden sind? Zumal im ersten Teil (da passiert wenig) viele Teile wie beziehungslos hineingeworfen wirken. Und nicht nur die die familiär-biografischen, sondern auch die Verweise auf das nationalsozialistische Erbe Deutschlands. Damit passiert genauso wenig wie mit den bemüht beiläufigen Erwähnungen, mit welch bedeutenden Menschen die Familie es (Fiktion oder Realität?) zu tun hatte – Curd und Margie Jürgens, David Niven, Franz-Josel Strauß, Joschka Fischer usw. Besäße nicht die zweite Hälfte (Besuch bei der Mutter) eine gewisse empathisch-authentische Präsenz und atmosphärische Dichte, hätte mich das Buch nur abgestoßen.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Kiepenheuer&Witsch, Köln
Jahr: 2021
Seiten: 224
Rezension von HK am 08.09.2021