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Juli Zeh: Über Menschen

Die Berliner Werbetexterin Dora fühlt sich zunehmend von ihrem Freund Robert eingeengt. Er ist vom eifernden Klimaschützer nahtlos zu einem gläubigen Corona-Blockwart mutiert. Als er ihr noch verbieten will, die Wohnung zu verlassen, packt sie ihre Sachen und zieht in das kleine Dorf Bracken (wo sie sich aufgrund der Entfremdung von Robert schon vorher heimlich ein Haus gekauft hat). Schnell wird sie mit einigen Härten des Landlebens konfrontiert – von körperlich schwerer Arbeit beim Bewirtschaften des großen Grundstücks über die Mühen, ohne Auto auch nur Lebensmittel kaufen zu können, bis hin zur derben Direktheit der Dorfbewohner. Und dann wird sie auch noch vom Nachbarn Gote (Gottfried) mit den Worten „ich bin hier der Dorf-Nazi“ begrüßt. Doch Gote ist auch der hilfsbereite Nachbar, der Dora mit Möbeln aushilft und auch Unterstützung beim Roden des Grundstücks organisiert. Und er liebt abgöttisch seine Tochter Franzi (und die ihren Papa), die bei der geschiedenen Mutter in Berlin lebt, aber die Ferien bei ihm verbringt. Dora gerät in einen Widerstreit der Gefühle. Sie verabscheut den gewalttätigen Nazi, fühlt sich abgestoßen von dem groben, schlecht riechenden, öfter betrunkenen Mann und doch wird sie von etwas angezogen, das sie selbst nicht benennen kann. Und so nimmt eine Verwicklung ihren tragischen Verlauf.

Im Unterschied zu „Unterleuten“ geht es in „Über Menschen“ nur am Rande um das ganze Dorf, und um die Berliner Gutmenschen-Schickeria nur insoweit, dass sie Ursache für Dora Flucht und nicht mehr Behaust-Sein ist. Es ist die Inspektion eines Menschen, der betrunken schwule Nachbarn attackiert und kreativ künstlerisch Holzskulpturen schnitzt, der seinen blanken Hass gegenüber „Kanacken“ zeigt und seine Tochter inniglich liebt. Das gibt es, Juli Zeh erzählt da nichts Neues. Aber sie inszeniert meisterinnenhaft, wie es sein kann, wenn man nicht über Menschen redet, sondern sich näherkommt, wirkliche Begegnung stattfindet. Was kann entstehen, was nicht – was kann sich ändern oder auch nicht? Die Autorin lässt es offen, stellt es aber zur Debatte. Und dies in eindrücklichen, emotionalen Szenen – das Geschehen, das Empfinden hautnah – gepaart mit leicht daherkommender Ironie. Irgendwo dazwischen muss es liegen – das Menschsein.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Luchterhand, München
Jahr: 2021
Seiten: 416
Rezension von HK am 09.10.2021