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Simon Urban: Wie alles begann und wer dabei umkam

Justus Hartmann schreibt aus der Gefängniszelle an seinen Verleger und berichtet, dass die Initiative seines Anwalts vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte abgelehnt wurde und nun in Kürze seine Hinrichtung stattfinden werde, und gibt dem Verleger noch Empfehlungen zur Publikation seines Manuskriptes. Das enthält die Lebensgeschichte Hartmanns. Seine Eltern lebten finanziell abhängig im Haus der Großmutter, einer bösartigen und herrschsüchtigen Frau, die besonders ihre Schwiegertochter (Hartmanns Mutter) quälte, ohne dass Hartmanns Vater dem etwas entgegensetzen konnte. J. Hartmann erste Auseinandersetzung mit dem Thema Gerechtigkeit – er verurteilt seine Großmutter in einem heimlich in seiner Fantasie inszenierten Prozess zum Tode. Später beginnt der überdurchschnittlich begabte Einzelgänger ein Jurastudium in Freiburg. Als dort die neue Professorin Meta Formella demonstrativ im Strafrecht den Schwerpunkt auf Resozialisierung (statt Bestrafung) legt, regt sich sein Widerstand. Sein „inoffizielles Strafrecht“, das er zusammen mit seiner Kommilitonin Sandra (mit der er eine seltsame Abstoßungs-Erregungs-Liebesbeziehung führt) entwickelt, stellt die Bestrafung des Täters zur Befriedigung der Opfer in den Mittelpunkt. In seiner Dankesrede zur Gewährung eines Stipendiums durch einen Rüstungskonzern konfrontiert er die Professorin und provoziert einen Eklat. Danach bricht er das Studium ab, reist er nach Papa Neuguinea und arbeitet auf einem Fischkutter. Nachdem ein Vulkanausbruch Rabaul, die Hauptstadt der Insel New Britain, zerstörte, siedelte er nach Singapur um (finanziell nicht unversorgt – er bezieht weiterhin das Stipendium) und arbeitet an seiner globalen Strafrechtsordnung. Er lernt dort den Deutschen Rufus Hundertmorgen kennen, ein Mensch mit einem Blick auf die Welt, „der gänzlich ohne Moral, Idealismus, Mitleid oder Hoffnung auskam“. Der präsentiert ihm die junge Hazel Barnier, die von dem skrupellosen Verführer Wong Lin Malevich (wie viele andere Frauen auch) mit HIV infiziert wurde. Der Täter musste vom Gericht freigesprochen werden, da ihm nicht nachzuweisen war, dass er von seiner Infizierung wusste. Hartmann inszeniert für Hazel und ihre Familie einen erneuten Prozess, der mit dem Todesurteil für Malevich endet. Nun stellt sich die Frage, ob dies auch – und durch wen – ausgeführt werden muss.

Die Causa Hazel – Malevich ist nicht der einzige Rechtsfall in diesem Roman, der das „gesunde Rechtsempfinden“ in Stellung bringt gegen rechtsstaatliche Normen und Verfahren. Das Leben, Denken und Handeln Hartmanns ist ein einziger Kreuzzug gegen ein humanes Strafrecht, das Befriedung in den Mittelpunkt stellt, zugunsten vorzivilisatorischer (Rache-)Befriedigungskonzepten. Die Figur des Protagonisten wird in diesem Roman sehr stimmig als genauso monströs beschrieben, wie sein Rechtssystem es wäre. Kompliment an den Autor! Es gehört schon einige Schreibkunst dazu, die Leser:innen über 500 Seiten einem Protagonisten folgen zu lassen, der sich als ein dermaßen asoziales, überhebliches und zum Teil faschistoides Arschloch präsentiert. Die Spannung und Qualität liegt tatsächlich in den gut und farbig in Szene gesetzten zahlreichen Verästelungen des Romans (der oben beschriebene Inhalt gibt nur ein dürres Gerüst der Handlung wieder). Das Thema selbst müsste für human denkende und aufgeklärte Menschen nach 5 Minuten durch sein.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Kiepenheuer & Witsch, Köln
Jahr: 2021
Seiten: 544
Rezension von HK am 14.10.2021