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Nona Fernández: Die Toten im trüben Wasser des Mapocho

Die Geschwister Rucia und Indio wachsen wohlbehütet von Mutter, Vater (der ein grandioser Geschichtenerzähler ist) und Großmutter in Santiago de Chile auf. Bis eines nachts der Vater „abgeholt“ wird (es dürfte die Zeit der Pinochet-Diktatur sein) und die Mutter mit den beiden Kinder Hals über Kopf ins Ausland flieht. Jahre vergehen und die Fragen der Kinder nach dem Schicksal ihres Vaters werden drängender. Dann stirbt die Mutter bei einem Unfall des von Indio gesteuerten Autos. Indio und Rucia überleben schwer verletzt. Indio kehrt nach Chile zurück, bittet dann aber seine Schwester nachzukommen. Nun sucht sie im alten Stadtviertel La Chimba nach Indio und Antworten aus der Vergangenheit, findet ihr verlassenes Elternhaus und schließlich den mysteriösen alten Mann Fausto, der ein Beileidstelegramm erhält und sich umbringen will.

In etwa bis dahin gelingt es, der verwobenen Geschichte, den Rückblenden, den Einschüben zur Geschichte Chiles von der Kolonialisierung bis zu den Gräueln der Pinochet-Diktatur zu folgen. Mehr und mehr erscheinen die Szenen in flirrendem Licht, das die Unterscheidung zwischen Traum (Wahn?) und Wirklichkeit verwischt, wiederholen sich aus anderer Perspektive – „man sagt, dass…“, aber „andere sagen, dass…“ (es anders war). Sind Tote wirklich tot und Lebende wirklich (noch) lebend? Diese Geschichte von Traumatisierten wird mit einer Sprachgewalt, die unter die Haut geht, die verletzt und schmerzt, erzählt. Ein poetisches Manifest der Todessehnsucht angesichts der tödlichen Welt. Bei aller sprachlichen Bewunderung war mir dies dann doch zu viel Abgrund.

Land: Chile
Genre: Roman
Verlag: Septime Verlag, Wien
Jahr: 2012
Seiten: 256
Rezension von HK am 23.10.2021