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Martin Mosebach: Krass

Der schwerreiche Waffenhändler Ralph Krass hält Hof in Neapel. Er hat eine kleine Gruppe von Menschen (vorwiegend mit finanzieller Großzügigkeit) um sich geschart, mit denen er Besichtigungen vornimmt, überwiegend aber in Cafés oder Restaurants sitzt. Organisieren muss dies alles der Dr. Matthias Jüngel, sowas wie ein persönlicher Referent. Als zufällig Lidewine Schoonemaker, die Assistentin eines Zauberers, dessen Vorstellung besucht wurde, in einem Café auftaucht, erweckt sie das Interesse von Krass, der ihr durch Jüngel einen Vertrag unterbreitet, gegen großzügige Entschädigung bei Auflage keinerlei erotischer Aktivitäten (auch nicht mit Krass selbst) Teil dieses „Hofstaats“ zu werden. Angesichts der Unbekümmertheit Lidewines einerseits und der undurchschaubaren Launen des Autokraten Krass andererseits muss dies schiefgehen. Damit endet der erste Teil des Romans; der zweite handelt von Jüngels Aufenthalt in Frankreich. Mittellos haust er in einer von Freunden überlassenen Ferienwohnung, lernt in einer Kneipe den im Kloster wohnenden Schuster Adam Desfosses kennen und unternimmt mit ihm eine sonntägliche Kneipentour, die im Straßengraben endet. Ein telefonischer Versuch, von Krass Unterstützung zu erhalten, endet mit dessen Rat, er möge Selbstvertrauen entwickeln. Im dritten Teil kreuzen sich die Wege von Krass, Jüngel und Schoonemaker zwanzig Jahre später nochmals in Kairo. Krass muss ein geplatztes Waffengeschäft verkraften, Jüngel ist inzwischen Professor für Urbanistik und hält ein Gastsemester in Kairo, Lidewine ist Kunstagentin und will eine Galerie eröffnen. Lidewine und Jüngel logieren zufällig im gleichen Hotel. Auf Krass stoßen sie durch den exzentrischen Rechtsanwalt Mohamed, der Krass als seinen Vater „adoptiert“ hat.

Wer sprachlich feinfühlige, blumige Beschreibungen liebt und Lust am Fabulieren hat, kommt bei Martin Mosebach voll auf seine/ihre Kosten. Wer also damit klarkommt, dass ein sinnhafter Handlungsbogen unterwegs abhandenkommt, dass die Figuren Lidewine Schoonemaker und Matthias Jüngel wenig Innenleben besitzen und dass das Psychogram von Ralph Krass geradeso an der Mystifizierung eines Herrenmenschen vorbei schrammt, kann sich in vielen sprachlich opulent ausstaffierten Szenerien und Geschichten verlieren.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Rowohlt, Hamburg
Jahr: 2021
Seiten: 528
Rezension von HK am 01.11.2021