Heinrich Krobbach und Bücher
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Heinrich Krobbach

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Philipp Schönthaler

Philipp Schönthaler: Der Weg aller Wellen

Der (namenlose) Protagonist arbeitet im Marketing des Campus (deutlicher Hinweis auf Google) und bekommt überraschend zunehmende „Identitätsprobleme“. Zunächst ist plötzlich sein Zugang zum Campus per Handvenenscanner gesperrt; auch die Fahrt mit dem Firmenshuttle wird ihm verwehrt; bald hat er Probleme, in seine Wohnung zu kommen. All seine Versuche, dies zu klären, enden erfolglos in nichtssagenden Auskünften von Hotlines. Schließlich kauft er ein gebrauchtes Auto, verlässt die Stadt und landet nach einer Autopanne in einer Community (dem „Brain“) in einem aufgegebenen Serverpark des Geheimdienstes. Deren Führer Ransom verfolgt eine Strategie der Vernetzung dezentraler Peripherien (wohl im Gegensatz zu Googles Zentralität), kann sich aber selbst seinen Anhängern kaum verständlich machen. Ein nach einem Interview mit Ransom im Brain gebliebene (namenlose) Journalistin freundet sich mit dem Marketing-Mann an (glaubt sie zumindest). Beide unterstützen Ransom sowohl bei Konflikten in der Community als auch bei Vortragsreisen. Doch plötzlich ist der Marketing-Mann spurlos verschwunden.

Das ist nur die grobe Handlung, für die ca. 30 Seiten gereicht hätten. Der Rest der knapp 270 Seiten besteht aus sprachlich ausschweifenden Beschreibungen und Schilderungen der Architektur des Campus, bizarrer Szenen mit Kunden auf einer Konferenz oder beim Interview mit „Weltraumgeschwistern“, der glücklosen Verabredung mit Kollegin Les, der Verzweiflung der Concierge seines Wohnkomplexes wegen ihres entflogenen Vogels, der Begegnung mit einer Handleserin im Hinterzimmer eines Asia Store, Ransoms Schwadronierens seiner Philosophie, des rituellen Abschlachtens von Kojoten durch seine Gegner im Brain usw. Eine kurze Andeutung, dass der Asia Store ein Treffpunkt politischer Opposition sein könnte, weckte meine Hoffnung auf einen ernstzunehmenden Roman – die wurde jedoch enttäuscht. Wenn dann „sprachlich ausschweifend“ wenigstens literarischen Genuss bedeutet hätte, hätte ich dem noch etwas positives abgewinnen können. So war ich froh, als ich endlich durch war.

Land: Deutschland
Genre: Dystopie
Verlag: Matthes & Seitz, Berlin
Jahr: 2019
Seiten: 269
Rezension von HK am 02.08.2020

Rick Elfenjoch

Rick Elfenjoch: NIHIL

Der Protagonist arbeitet als Marketingfachmann in einer Stadt, in der die Ortsbezeichnungen z.B. „Jeff-Bezos-Straße“ oder „Bill-Gates-Allee“ lauten. Sein Leben verläuft bestens, bis er am 25. Oktober 2039 ein Problem hat: Er wird vom GRID (Global Repository of Identities) nicht mehr erkannt. Weder funktioniert die automatisierte Frühstückslieferung, noch kann er ein öffentliches Verkehrsmittel nutzen oder etwa im Supermarkt einkaufen. Überall dort gewährt ihm der in die Hand implantierte Chip keinen Zugang mehr, sondern weist ihn als NIHIL (Not Identifiable Human Individual) aus. Gleiches passiert in seiner Firma, wobei sein verständnisvoller Chef ihn in den Urlaub schickt, da der Fehler im GRID, der auch bei vielen anderen auftauchte, angeblich in Kürze behoben werde. Doch zunächst ist er ein Ausgeschlossener, dem es nicht mal gelingt, etwas zu essen zu besorgen. Da stößt er auf einen sehr alten Gutschein des Online-Shops „Wünsche werden wahr“ seines alten Schulfreundes Theo. Der Zugang funktioniert tatsächlich noch, er kann sich Astronautennahrung bestellen und beschließt, Theo einen Besuch abzustatten. Dabei wird er Mitwisser eines teuflischen, massenmörderischen Plans zur Dezimierung der Menschheit.

Viele der Technikabhängigkeiten, die hier auftauchen, sind uns allen bekannt. Doch hier kommen sie alle zusammen – und es fehlen (weitgehend) die außerdigitalen Alternativen. Soweit die konventionelle Dystopie, deren Ironie schon darin besteht, dass der Protagonist über einen althergebrachten Online-Zugang mit Benutzername und Passwort glücklich ist. Gut kontrastiert wird auch das Spannungsfeld zwischen materieller Existenz (Hunger, soziale Ausgrenzung, aber auch Radtour durch idyllische Naturlandschaft) und virtueller Identität (als ausbeutbares Datenprofil) sowie zwischen Moral und Ökonomie. Jedoch ist es etwas zu klar, auf welcher Seite das Gute und wo das Schlechte liegt. Das mindert den Spannungsbogen, was auch nicht durch überbordende moralische Gefühlsaufwallungen des Protagonisten kompensiert werden kann. Dennoch – schön geschrieben und ein wichtiger Denkanstoß.

Land: Deutschland
Genre: Dystopie
Verlag: Jochen Frickel, Bischofsheim
Jahr: 2019
Seiten: 149
Rezension von HK am 02.08.2020

Jackie Thomae

Jackie Thomae: Brüder

Mick und Gabriel sind Brüder, 1970 in der DDR geboren, haben verschiedene Mütter, aber den gleichen Vater, den Senegalesen Idris – wissen allerdings nicht voneinander. Zuerst wird die Geschichte von Mick erzählt, der von seiner Mutter Monika allein erzogen wird, später gemeinsam mit Lebensgefährten. Er zieht früh von zu Hause aus, bricht eine Zimmermannslehre ab und schlägt sich mit Jobs für den Modefotofragen Desmond durch. Desmond stiftet ihn zu einem lebensgefährlichen Kokainschmuggel aus Kolumbien an, den Mick (mit seiner Freundin Delia) nur knapp unbeschadet übersteht. Danach lebt er mit Delia (inzwischen Juristin) Berlin, ist Teilhaber eines Clubs und handelt mit alten Langspielplatten. Sie zerstreiten und trennen sich wegen Delias Kinderwunsch; Mick geht nach Thailand zu seinem Freund Chris. Soweit erstmal Teil 1 von Mick.

Gabriel, dessen Mutter Gabriele gestorben ist, als er 7 Jahre alt war, wächst bei seinen Großeltern auf. Er studiert Architektur, geht nach London und gründet mit seinem Studienfreund Mark ein nun weltweit tätiges Architekturbüro. Er heiratet die in Kenia aufgewachsene (weiße) Fleur, sie bekommen einen Sohn, Albert, der ihnen während der Pubertät entgleitet. Gabriel ist eher der ernsthafte Typ, der alles genau und schwer nimmt. Die familiäre Situation und der berufliche Druck führen ihn geradewegs in einen Burn-Out, der in einen irren Ausbruch mündet. Er beschmiert eine schwarze Studentin, die ihn provoziert hat, nachdem ihr Hund in Gabriels Vorgarten einen Kothaufen hinterlassen hat, mit eben dieser Hundescheiße. Die öffentliche Brandmarkung als Rassist folgt auf dem Fuß.

In einem Intermezzo kommt der Vater Idris mit seinen Erinnerungen an Deutschland zu Wort. Im Epilog erfolgt dann eine „Familienzusammenführung“ der besonderen Art.

Zunächst das Positive. Die jeweiligen Szenen, die Verstrickungen, die „dramatischen“ Ereignisse sind sehr hautnah in lebendiger Sprache beschrieben – es zeigt sich das schriftstellerische Können der Autorin. Sehr interessant sind auch die – mehrfach verwickelten – Reflexionen über Wirkungen der Hautfarbe (beide Brüder sind ja dunkelhäutig) auf andere und auch auf die eigene Identitätsbildung. Wenig überzeugend fand ich den gesamten Handlungszusammenhang. Es werden zwei Geschichten erzählt, die für sich spannend sein könnten (wenn auch Teile, wie Delias Hautausschlag u.ä., wie reingewürfelt wirken). Ein schlüssiger Zusammenhang der unterschiedlichen Biografien der Brüder – bloß wegen des gemeinsamen Vaters – hat sich für mich nicht ergeben. Insgesamt zu viel Beliebigkeit in diesem opulenten thematischen Puzzle. Auch die sprunghafte Erzählweise (Kapitel beginnt mit einem Thema, springt aber sofort zur einem oder mehreren anderen und dann (absatzweise) wieder zurück hat meinen Lesefluss weniger vergnüglich beeinflusst. Fazit: Kann man lesen.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Hanser, Berlin
Jahr: 2019
Seiten: 432
Rezension von HK am 05.06.2020

Erich Kuby

Erich Kuby: Rosemarie

Sitzung des „Isoliermattenkartells“ im Frankfurter Palasthotel, wobei sich hinter diesem Fantasienamen ein Treffen der mächtigsten Großindustriellen im Nachkriegsdeutschland verbirgt, mit einem Ministerialrat der Bundesregierung. Es geht um geheime Pläne zur Entwicklung von Atomtechnologie. In einer Pause sieht Bruster, der Chef der Abruda-Werke, eine junge Frau im Hof des Hotels und wirft ihr – nach Augenkontakt – einen Zettel zu „20 Uhr vor dem Hotel, beescher SL“. Die junge Frau – Rosemarie – kommt wirklich, steigt jedoch aus Versehen in den Wagen des Konzernchefs Hartog. Die Affäre beginnt, Hartog richtet Rosemarie eine Wohnung im Dornbusch ein. Dort wird sie schließlich auch von Bruster besucht. Als Hartog dies bemerkt, reagiert er eifersüchtig und wendet sich ab. Bruster erweist sich nicht nur als Liebhaber, sondern auch als Rosemaries Marketing-Berater und leiht ihr Geld für eine luxuriöse Wohnung am Eschersheimer Tor. Der Aufstieg Rosemaries zur bekannten Edelprostituierte beginnt, sie schafft sich mit viel Geschäftssinn einen Kundenkreis aus der wirtschaftlichen Elite – und gerät in Ränkespiele, die sie nicht mehr kontrollieren kann.

Der Mord an Rosemarie Nitribitt und die Spekulationen über Motiv und Mörder bieten dem Autor viel Stoff seine Themen zu entwickeln. Es beginnt mit der Gedankenwelt und Moral der Großindustriellen in der Nachkriegszeit (allen voran Hartog – unverkennbar die Romanfigur des Krupp-Erben Haralds von Bohlen und Halbach), in der es unhinterfragt um Geld und Macht geht, während der Rest der Menschheit zu formende Verfügungsmasse darstellt. Und zwar besonders die Frauen als Schmuckwerk oder eben als Objekt der Begierden. Damit sind wir bei Kubys zweitem Thema. Wie passt die eher ungebildete, sexuell nicht sonderlich ambitionierte, zickige, aber geldgierige und geschäftstüchtige Prostituierte in diese Welt. Es sind die Verfügbarkeit und Käuflichkeit, aber besonders die Formbarkeit, die besonders Bruster auskostet, der aus der unscheinbaren Frau ein erotisches Hochglanzprodukt macht. Diese geteilte Geschäftsdenke (von Geist will ich nicht reden) macht den Reiz des gemeinsamen Spiels aus. Willkommen im Wirtschaftswunderland und der verheißungsvollen Warenwelt, die sogar Gefühle handelbar macht. Als soziologisch geschärftes Sittengemälde der 1950er Jahre ist es eine anregende und gelungene Lektüre. Störend empfand ich oft die bis zur Unverständlichkeit komplexen Satzungetüme

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Schöffling, Frankfurt
Jahr: 2020
Seiten: 320
Rezension von HK am 23.03.2020

Susanne Gregor

Susanne Gregor: Das letzte rote Jahr

Die Ich-Erzählerin Misa berichtet von ihrer Kindheit als 14jährige im (damals tschechoslowakischen – nun slowakischen) Zilina mit den gleichaltrigen (und im gleichen Haus wohnenden) Mädchen Rita und Slavka. Eine wunderliche Freundschaft, denn die drei entwickeln höchst unterschiedliche Interessen. Slavka beginnt schon früh mit Gymnastik (Bodenturnen) und entwickelt erstaunliche Fähigkeit – „Glanz und Grazie“ sind ihr wichtig. Rita engagiert sich bei den Pionieren und verteidigt vehement die sozialistischen Prinzipien gegen westliches Konsumstreben. Misa selbst steht irgendwo dazwischen und vertieft sich in die Welt der Bücher. Zusätzlich wird die Freundschaft in der fortschreitenden Pubertät auf die Probe gestellt, weil sich die Mädchen in recht unterschiedlicher (und überraschender) Weise dem männlichen Geschlecht zuwenden.

Nicht einfach für die (auch miteinander befreundeten) Eltern der drei Pubertierenden, zumal ja auch weitere Kinder (wie Misas 17jähriger Bruder Alan – langhaariger, Ohrring tragender Schlagzeuger einer Band) für Familienkonflikte sorgen. Dabei erweist sich Misas und Alans Vater – nach außen ein freundlicher und umgänglicher Mann als wahrer Familientyrann. Eine besondere Dynamik unter den Beteiligten entwickelt sich anhand der Frage, ob man die Ausreise in den Westen versuchen sollte. Die Geschichte spielt im Jahr 1989!

Zu diesem Thema fand ich den Roman stark, der sehr differenziert die Alltagsperspektive der Handelnden im „real existierenden Sozialismus“ beschreibt. Die Macht der Partei müssen Ritas Vater (wird kein Abteilungsleiter) und jener von Misa (ist hilflos gegenüber der aufgedrängten Freundschaft des Parteisekretärs) ertragen; die Mädchen müssen im Unterricht die „Tabu-Themen“ akzeptieren und (im Jahr 1989!) Reden des Direktors über den Fortschritt des Sozialismus anhören; die Familien – obwohl gut situiert – müssen sich mit dem Mangel an Konsumgütern befassen und sehen gleichzeitig die schillernde Welt des Kapitalismus. Es scheiden sich jedoch die Geister, ob man dort gut aufgehoben sei.

Sehr einfühlsam wird auch die Entwicklung der drei Mädchen geschildert. Besonders Misas „Erwachsenwerden“, der Abschied von einer als beständig geglaubten Welt, das Neujustieren von Nähe und Loyalitäten (Freundinnen versus Freund) sind zwar keine brandneuen Themen, aber doch treffend beschrieben. Sprachlich wirkt der Text überwiegend recht nüchtern wie ein Bericht über abgeschlossenes Vergangenes und lässt die Leselust so dahinplätschern. Irgendwo zwischen Frühling und Sommer (der Roman ist in 4 Kapitel nach den Jahreszeiten gegliedert) bekommt dann die Aneinanderreihung von Familienszenen ihre Längen, was aber bei insgesamt 220 Seiten nicht so bedeutend ist.

Land: Österreich
Genre: Roman
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt
Jahr: 2019
Seiten: 224
Rezension von HK am 28.02.2020