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Heinrich Krobbach

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Anna Weidenholzer

Anna Weidenholzer: Finde einem Schwan ein Boot

Peter und Elisabeth sind mit dem gegenüber wohnenden Ehepaar Heinz und Karla (die sich gegenseitig mit dem Nachnamen Novak ansprechen und ein Chinchilla halten) befreundet. Man besucht sich gegenseitig, hilft sich auch beim Aufbau eines Regals und besucht gemeinsam das Café von Maria. Dies abends, weshalb sie die mysteriöse „Professorin“, die Sherry trinkt und schweigt oder über psychologische Experimente zu kognitiven Fehlleistungen referiert, erst dann zu Gesicht bekommen, als diese plötzlich länger bleibt. Wenn sie kommt, komplimentiert Maria den dementen Fleck (Nachbar von Peter und Elisabeth, der über ihnen wohnt und ins Treppenhaus pinkelt) vorher hinaus. Peters Schwester Magda, die sich von ihrem Mann Stefan getrennt hat, spekuliert auf Flecks Wohnung, wenn dieser ins Altersheim käme. Aber Heinz und Karla können Magda nicht leiden. Dann gibt es noch Frau Richter, die in Blockwartin-Manier alles überwacht. Die Themen: Heinz ist ein schlechter Versicherungsvertreter und findet einen neuen Job als Sicherheitswache-Mitarbeiter. Peter bekommt eine Festanstellung als Journalist und schreibt nun über Politik, allerdings in eine Richtung, die Elisabeth missfällt.

Erzählt wird die Geschichte von Elisabeth, die nachts wach liegend an alle die Ereignisse denkt, während Peter fest schläft. Diese Kapitel, die mit der nächtlichen Uhrzeit überschrieben sind, werden von Kapiteln abgelöst, die mit dem Satz „Was dieses Zuhause ist…“ beginnen. Das hat etwas Wehmütiges, Vergehendes – und auch Poetisches, wie auch die sorgsam gezeichneten Szenen – sprachlich also sehr dicht. Andererseits wirken die Ereignisse und Gespräche oft konstruiert, befremdlich, aneinander vorbei und abgehackt. Ich dachte öfter – so redet man doch nicht miteinander. Vielleicht soll’s ein Changieren zwischen Wirklichkeit und Gedankenwelt sein. Aber es passiert auch so richtig nichts – im Sinne eines Handlungsbogens. War ein Überbleibsel der Buchmesse 2019. Hat mich leider nicht angesprochen. Ach ja, der Titel findet sich im Buch als Metapher, was die Stimmung aber auch nicht hebt.

Land: Österreich
Genre: Roman
Verlag: Matthes & Seitz, Berlin
Jahr: 2019
Seiten: 212
Rezension von HK am 17.10.2021

Simon Urban

Simon Urban: Wie alles begann und wer dabei umkam

Justus Hartmann schreibt aus der Gefängniszelle an seinen Verleger und berichtet, dass die Initiative seines Anwalts vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte abgelehnt wurde und nun in Kürze seine Hinrichtung stattfinden werde, und gibt dem Verleger noch Empfehlungen zur Publikation seines Manuskriptes. Das enthält die Lebensgeschichte Hartmanns. Seine Eltern lebten finanziell abhängig im Haus der Großmutter, einer bösartigen und herrschsüchtigen Frau, die besonders ihre Schwiegertochter (Hartmanns Mutter) quälte, ohne dass Hartmanns Vater dem etwas entgegensetzen konnte. J. Hartmann erste Auseinandersetzung mit dem Thema Gerechtigkeit – er verurteilt seine Großmutter in einem heimlich in seiner Fantasie inszenierten Prozess zum Tode. Später beginnt der überdurchschnittlich begabte Einzelgänger ein Jurastudium in Freiburg. Als dort die neue Professorin Meta Formella demonstrativ im Strafrecht den Schwerpunkt auf Resozialisierung (statt Bestrafung) legt, regt sich sein Widerstand. Sein „inoffizielles Strafrecht“, das er zusammen mit seiner Kommilitonin Sandra (mit der er eine seltsame Abstoßungs-Erregungs-Liebesbeziehung führt) entwickelt, stellt die Bestrafung des Täters zur Befriedigung der Opfer in den Mittelpunkt. In seiner Dankesrede zur Gewährung eines Stipendiums durch einen Rüstungskonzern konfrontiert er die Professorin und provoziert einen Eklat. Danach bricht er das Studium ab, reist er nach Papa Neuguinea und arbeitet auf einem Fischkutter. Nachdem ein Vulkanausbruch Rabaul, die Hauptstadt der Insel New Britain, zerstörte, siedelte er nach Singapur um (finanziell nicht unversorgt – er bezieht weiterhin das Stipendium) und arbeitet an seiner globalen Strafrechtsordnung. Er lernt dort den Deutschen Rufus Hundertmorgen kennen, ein Mensch mit einem Blick auf die Welt, „der gänzlich ohne Moral, Idealismus, Mitleid oder Hoffnung auskam“. Der präsentiert ihm die junge Hazel Barnier, die von dem skrupellosen Verführer Wong Lin Malevich (wie viele andere Frauen auch) mit HIV infiziert wurde. Der Täter musste vom Gericht freigesprochen werden, da ihm nicht nachzuweisen war, dass er von seiner Infizierung wusste. Hartmann inszeniert für Hazel und ihre Familie einen erneuten Prozess, der mit dem Todesurteil für Malevich endet. Nun stellt sich die Frage, ob dies auch – und durch wen – ausgeführt werden muss.

Die Causa Hazel – Malevich ist nicht der einzige Rechtsfall in diesem Roman, der das „gesunde Rechtsempfinden“ in Stellung bringt gegen rechtsstaatliche Normen und Verfahren. Das Leben, Denken und Handeln Hartmanns ist ein einziger Kreuzzug gegen ein humanes Strafrecht, das Befriedung in den Mittelpunkt stellt, zugunsten vorzivilisatorischer (Rache-)Befriedigungskonzepten. Die Figur des Protagonisten wird in diesem Roman sehr stimmig als genauso monströs beschrieben, wie sein Rechtssystem es wäre. Kompliment an den Autor! Es gehört schon einige Schreibkunst dazu, die Leser:innen über 500 Seiten einem Protagonisten folgen zu lassen, der sich als ein dermaßen asoziales, überhebliches und zum Teil faschistoides Arschloch präsentiert. Die Spannung und Qualität liegt tatsächlich in den gut und farbig in Szene gesetzten zahlreichen Verästelungen des Romans (der oben beschriebene Inhalt gibt nur ein dürres Gerüst der Handlung wieder). Das Thema selbst müsste für human denkende und aufgeklärte Menschen nach 5 Minuten durch sein.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Kiepenheuer & Witsch, Köln
Jahr: 2021
Seiten: 544
Rezension von HK am 14.10.2021

Juli Zeh

Juli Zeh: Über Menschen

Die Berliner Werbetexterin Dora fühlt sich zunehmend von ihrem Freund Robert eingeengt. Er ist vom eifernden Klimaschützer nahtlos zu einem gläubigen Corona-Blockwart mutiert. Als er ihr noch verbieten will, die Wohnung zu verlassen, packt sie ihre Sachen und zieht in das kleine Dorf Bracken (wo sie sich aufgrund der Entfremdung von Robert schon vorher heimlich ein Haus gekauft hat). Schnell wird sie mit einigen Härten des Landlebens konfrontiert – von körperlich schwerer Arbeit beim Bewirtschaften des großen Grundstücks über die Mühen, ohne Auto auch nur Lebensmittel kaufen zu können, bis hin zur derben Direktheit der Dorfbewohner. Und dann wird sie auch noch vom Nachbarn Gote (Gottfried) mit den Worten „ich bin hier der Dorf-Nazi“ begrüßt. Doch Gote ist auch der hilfsbereite Nachbar, der Dora mit Möbeln aushilft und auch Unterstützung beim Roden des Grundstücks organisiert. Und er liebt abgöttisch seine Tochter Franzi (und die ihren Papa), die bei der geschiedenen Mutter in Berlin lebt, aber die Ferien bei ihm verbringt. Dora gerät in einen Widerstreit der Gefühle. Sie verabscheut den gewalttätigen Nazi, fühlt sich abgestoßen von dem groben, schlecht riechenden, öfter betrunkenen Mann und doch wird sie von etwas angezogen, das sie selbst nicht benennen kann. Und so nimmt eine Verwicklung ihren tragischen Verlauf.

Im Unterschied zu „Unterleuten“ geht es in „Über Menschen“ nur am Rande um das ganze Dorf, und um die Berliner Gutmenschen-Schickeria nur insoweit, dass sie Ursache für Dora Flucht und nicht mehr Behaust-Sein ist. Es ist die Inspektion eines Menschen, der betrunken schwule Nachbarn attackiert und kreativ künstlerisch Holzskulpturen schnitzt, der seinen blanken Hass gegenüber „Kanacken“ zeigt und seine Tochter inniglich liebt. Das gibt es, Juli Zeh erzählt da nichts Neues. Aber sie inszeniert meisterinnenhaft, wie es sein kann, wenn man nicht über Menschen redet, sondern sich näherkommt, wirkliche Begegnung stattfindet. Was kann entstehen, was nicht – was kann sich ändern oder auch nicht? Die Autorin lässt es offen, stellt es aber zur Debatte. Und dies in eindrücklichen, emotionalen Szenen – das Geschehen, das Empfinden hautnah – gepaart mit leicht daherkommender Ironie. Irgendwo dazwischen muss es liegen – das Menschsein.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Luchterhand, München
Jahr: 2021
Seiten: 416
Rezension von HK am 09.10.2021

Irmgard Keun

Irmgard Keun: Nach Mitternacht

Susanne Moder (Sanna), aufgewachsen in Lappesheim an der Mosel, kommt nach dem Tod ihrer Mutter mit 16 Jahren zu ihrer Tante Adelheid nach Köln, die Geld von ihrer Schwester bekam und nun Sanna unterhalten muss. Sanna und Adelheids Sohn Franz verlieben sich und wollen gemeinsam einen Zigarettenladen eröffnen. Doch die bösartige Adelheid denunziert Sanna bei der Gestapo, worauf diese Franz (der sie nicht unterstützt) verlässt und zu ihrem älteren Bruder, dem Schriftsteller Algin Moder, nach Frankfurt geht. Dort gerät sie in eine bacchantische Gesellschaft von Leuten, die schon im Fokus der Gestapo sind (Algin, der Journalist Heini, der Jude Breslauer u.a.), aber weiterhin in Apfelweinschenken kritisch- zynische Reden halten und ausschweifende Feste feiern.  Das gipfelt in Liskas (Algins Frau) Fest, bei dem die „Rassenschande“ Dieter Aarons mit der blonden Gerti bekannt wird, Liska vergeblich versucht, die Liebe von Heini zu gewinnen, und plötzlich Franz auftaucht, der ebenfalls in Köln denunziert wurde. Plötzlich liegt jemand tot im Wohnzimmer, und die Polizei wird kommen. Sanna, die bislang am Rande dieses Geschehens stand, muss sich entscheiden – und handeln.

Schon thematisch ist dieser Roman ein erhellendes Zeugnis der Zeit (seiner Entstehung und der Handlung), dem Jahr 1937. Einleuchtend wird beschrieben, wie das Gift des Nationalsozialismus systematisch die Reste bürgerlichen Anstands zersetzt, wie Menschen andere Menschen aus miesen, egoistischen Motiven denunzieren und der Gestapo, wenn nicht sogar dem Konzentrationslager, ausliefern. Jeder weiß, was Sache ist (niemand hat hier nix gewusst) – der sich in Zynismus flüchtende Journalist Heini tut es laut in seinen Kneipenmonologen kund. Mit poetischer Kraft und Eindringlichkeit und atmosphärisch dichten Beschreibungen entfaltet die Autorin die Geschichte, die in einen phantasmorgischen Schluss nach Mitternacht (auf Liskas Fest) mündet. Nach dem Lesen – innehalten und spüren, was man nie im Geschichtsunterricht so spüren konnte. Der Roman ist übrigens Thema von „Frankfurt liest ein Buch“ vom 2.-15. Mai 2022 – also vormerken!

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Ullstein List, Berlin
Jahr: 2018
Seiten: 208
Rezension von HK am 30.09.2021

Christian Kracht

Christian Kracht: Eurotrash

Der Ich-Erzähler gibt sich (mit Verweis darauf, dass er vor 25 Jahren den Roman Faserland geschrieben hat) sehr deutlich als der Autor Christian Kracht zu erkennen. Er ist auf dem Weg nach Zürich zu seiner 80jährigen, alkoholkranken Mutter, die er nur widerwillig besucht. Dies wird verständlich angesichts seiner eingestreuten Erinnerungen an die „zutiefst gestörte Familie“. Der Großvater (mütterlicherseits) ein eingefleischter Nazi (sowohl vor als auch nach 1945) und (posthum entdeckter) Neigungen zu SM-Praktiken. Sein Vater (seit 10 Jahren tot) ein Emporkömmling, der als Generalbevollmächtigter von Axel Springer Karriere machte und zu Prominenz und Reichtum kam, dies aber durch Protzgehabe, Angeberei und Erniedrigung anderer sich immer wieder bestätigen musste. Der Besuch bei der Mutter besteht aus bruchstückhaften Erinnerungen an früher, aus wechselseitigen Vorwürfen, wer wen vernachlässigt hat und mündet schließlich in eine bizarre Taxifahrt durch die Schweiz. Zunächst zu einer Kommune, die sich jedoch als nazi-affin herausstellt, dann ins Gebirge, um – vergeblich – nach Edelweiß zu suchen, dann auf den Friedhof in Genf zum Grab von Jorge Borges (das finden sie), dann zum Flughafen nach Genf, um nach Afrika zu reisen, dann… (der Schluss wird nicht verraten).

Erstmal das Positive: Schreiben kann er – klar, flüssig, plastisch. Das war’s. Irritierend, wenn nicht gar verstörend, fand ich diese „Autofiktion“, die weitgehend im Unklaren lässt, welche Geschehnisse in dieser (durchaus real prominenten) Herkunftsfamilie Realität und welche Fiktion waren. Was soll ich anfangen mit einer Abrechnung des Autors / Erzählers mit seiner Familie, wenn Teile der Schilderungen wahrscheinlich erfunden sind? Zumal im ersten Teil (da passiert wenig) viele Teile wie beziehungslos hineingeworfen wirken. Und nicht nur die die familiär-biografischen, sondern auch die Verweise auf das nationalsozialistische Erbe Deutschlands. Damit passiert genauso wenig wie mit den bemüht beiläufigen Erwähnungen, mit welch bedeutenden Menschen die Familie es (Fiktion oder Realität?) zu tun hatte – Curd und Margie Jürgens, David Niven, Franz-Josel Strauß, Joschka Fischer usw. Besäße nicht die zweite Hälfte (Besuch bei der Mutter) eine gewisse empathisch-authentische Präsenz und atmosphärische Dichte, hätte mich das Buch nur abgestoßen.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Kiepenheuer&Witsch, Köln
Jahr: 2021
Seiten: 224
Rezension von HK am 08.09.2021