Heinrich Krobbach und Bücher
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Hallo und herzlich willkommen auf meiner Webseite!

Hier gibt es mich zu sehen und zu lesen.

Für Literaturliebhaber/innen meine Rezensionen gelesener Bücher. Über viele und nette Kommentare freue ich mich.
Rechts übrigens die neuesten Rezensionen.

Wer sich wundert, dass neuerdings so viele Krimis auftauchen. Seit dem Superstart der VHS-Lesungen "Tod im Turm" bekomme ich massenhaft Empfehlungen - ich bin sozusagen fast im Krimi-Lese-Stress. Aber es gibt auch immer wieder unblutige Literatur.

Ich suche natürlich auch Gäste für meine Ferienwohnung am schönen Traunsee (Österreich, Salzkammergut).

Viel Spaß beim Surfen
Heinrich Krobbach

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Karin Kalisa

Karin Kalisa: Radio Activity

Nora Tewes ist in einer kleinen Hafenstadt an der Nordsee aufgewachsen und lebt nach einer Ballettausbildung in New York. Als sie dort die Nachricht erhält, dass ihre Mutter im Sterben liegt, kehrt sie in die Heimatstadt zurück, findet Arbeit in einem Tonstudio (hat sie von ihrer Mutter gelernt) und kümmert sich um ihre Mutter. Im Tonstudio trifft sie ihre Schulfreunde Tom und Grischa wieder. Gemeinsam mit Helge, der beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeitet und Geld sowie die Zuteilung einer Frequenz organisieren kann, gründen sie das Radio „Tee und Teer“. Es wird auf Anhieb ein Erfolg, nicht zuletzt wegen Noras genialer Radiostimme, mit der sie als „Holy Gomighty“ die Hörer/innen verzaubert. Doch Nora verfolgt einen geheimen Plan. Mit Hilfe einer Quizreihe will sie den Täter, der ihre Mutter Annabel als Kind missbraucht hat (ist inzwischen juristisch verjährt), öffentlich brandmarken. Der Plan scheitert, doch dann hat der eher unscheinbare Rechtsreferendar Simon ein genialen, wenn auch nicht ganz so legalen, Plan.

Steht die strafrechtliche Behandlung der Täter moralisch im rechten Verhältnis zum Leiden der Opfer? Diese brisante Frage wird im Buch intensiv beleuchtet und – besonders durch Simons Aktion – zur Debatte gestellt. Unterstrichen wird dies durch die einfühlsame Schilderung, wie die Mutter sich in ihren letzten Lebenstagen ihrer Tochter offenbart. Hier zeigt sich auch die sprachliche Stärke des Romans. In der farbigen Ausmalung innerer Monologe und Empfindsamkeiten und im bedachten Umgang mit Worten wie „seelenversehrt“. Wenn auch hier und da einige verschaltete Sätze zu unübersichtlich geraten sind, was es ein Leseerlebnis (weil es mir schwerfällt bei diesem Thema von Lesegenuss zu sprechen).

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: C.H. Beck, Münschen
Jahr: 2019
Seiten: 351
Rezension von HK am 21.02.2020

Jan Costin Wagner

Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht

Jannis (5 Jahre) ist vom Schulflohmarkt in Wiesbaden-Biebrich einem Mann mit einem Teddybären gefolgt, der ihn dann niedergeschlagen und im Auto entführt hat. Mutter Lea Meiniger und Tochter Sarah haben nichts bemerkt. Die beiden Kriminalkommissare Ben Neven und Christian Sandner verfolgen mit Unterstützung ihres Kollegen Mark Lederer die dürftigen Spuren (Bilder von Überwachungskamera). Auch die Recherche eines ähnlichen Falls vor zwei Jahren in Innsbruck bringen sie nicht weiter. Bis schließlich Hinweise aufgrund eines öffentlichen Aufrufs sie ins Zielgebiet führen. Dort erwartet sie ein noch tieferer Abgrund menschlichen Verhaltens.

Der Leser weiß zu diesem Zeitpunkt (durch Zwischenkapitel) vom Täter, so dass es ab Mitte des Buches um die Frage geht, ob sie ihn kriegen 8und den Jungen retten können). Der Spannung tut dies jedoch keinen Abbruch, wobei am Ende etwas zu viel „Kommissar Zufall“ nachhilft. Breiten Raum nehmen die Gefühlslagen der Beteiligten ein, was bezüglich der Angst von Jannis‘ Familie in sehr einfühlsamer Weise geschieht und den Kriminalroman bereichert. Die entrückt wirkenden Stimmungen und Tagträume der Polizisten Ben und Christian empfand ich eher (ohne richtigen inhaltlichen Bezug zur Handlung oder selbst zum Thema werdend) aufgesetzt und auch unverständlich (z.B. „Christian entfernt sich, gleitet ab in die graue Welt. Ein graues Lachen, es berührt die Oberfläche seiner Augen“). Bei aller Poesie, für die der Autor gelobt wird, es fehlt der Fokus, der innere Bezug dieser Stimmungsbilder und Nebenhandlungen (Christians Gespräche mit Nadine, Landmanns traurige Geschichte mit seiner Tochter Barbara). Ich fühlte mich zwar in einzelne Szenen innerlich „hineingezogen“, nicht aber in die ganze Geschichte. Nach „Sakari lernt, durch Wände zu gehen“ wurden meine positiven Erwartungen nicht erfüllt.

 

Land: Deutschland
Genre: Krimi
Verlag: Galiani, Berlin
Jahr: 2020
Seiten: 320
Rezension von HK am 01.02.2020

Synke Köhler

Synke Köhler: Die Entmieteten

Ein Mietshaus am Prenzlauer Berg wird abgerissen. Dabei findet der Baggerführer eine Leiche. So ist man gleich gespannt, wer dies wohl sein wird. Allerdings wird die Geschichte erst von vorne erzählt, als die (etwa 6) Mietparteien die Nachricht von der Immobiliengesellschaft erhalten. Einige sind so in ihre Alltagsprobleme verstrickt, dass diese neue Wirklichkeit nur langsam einsickert. Eine von Markus einberufene Hausversammlung beschließt zwar, Widerstand zu leisten, doch der bleibt eigentümlich kraftlos, zumal schon die ersten ausziehen. Neben dem Aktivisten Markus sind es die Kunststudentin Kathleen und der Leadsänger der Band „Nachtasyl“, Grozki, die den Protest allerdings eher als künstlerische Performance gestalten. Das hat wenig Wirkung auf die abgefeimte „Mieterberaterin“ Verena Wilke und ihre perfide Doppelstrategie. Einerseits werden die Mieter mit neuen Wohnungen und Abfindungen geködert, andererseits wird das Haus immer unbewohnbarer gemacht (Außengelände verwüstet, Keller geräumt, Heizung fällt aus, Wasser abgestellt usw.)

Soweit wäre es eine bekannte Geschichte, die – neben den üblen Methoden der Spekulanten – auch die Reaktionsbereite der Betroffenen zwischen kollektivem Widerstand und individuellen Nutzenerwägungen illustriert. Genauso viel Platz nehmen aber auch die Geschichten einzelner Figuren ein. So Grozkis Geschichte von der damaligen Gründung der Band und ihrer Genehmigung durch DDR-Kulturfunktionäre oder Kathleens Familiengeschichte (Vater verlässt die Familie). Und schließlich die Affäre Grozkis mit der viel jüngeren Kathleen, die irgendwie mit einer vagen gegenseitigen Anziehung beginnt, jedoch immer wieder durch ein In-sich-zurück-fallen gebrochen wird. Ähnlich traumartig wird das Erleben der (meisten) anderen Figuren geschildert. Ihr Innenleben dominiert und ist nur fragmentarisch mit anderen und der Welt verbunden. Als schwebten alle auf ihrem eigenen Stern durch ein Universum – von Gesellschaft keine Spur, außer der Immobilien-Gesellschaft! Hier steckt die literarische Qualität des Romans. So richtig Spannung konnte trotz der erst am Schluss identifizierten Leiche jedoch nicht aufkommen.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Satyr, Berlin
Jahr: 2019
Seiten: 256
Rezension von HK am 25.01.2020

Juli Zeh

Juli Zeh: Neujahr

Eigentlich sind Henning und Theresa die moderne Musterfamilie – beide berufstätig, Hausarbeit und die Erziehung der beiden Kinder Bibbi und Jonas teilen sie sich. Theresas egozentrische und nervige Eltern und Hennings Schwester Luna, die in den Tag hineinlebt und allzu oft rauchend das gemeinsame Homeoffice-Büro des Ehepaars bewohnt, dürften dieses Lebensglück eigentlich nicht trüben. Dennoch ist Henning nicht zufrieden und fühlt sich überfordert, was ihn seit geraumer Zeit vorwiegend nachts als „ES“ (Panikattacken und Herzanfällen) heimsucht. So auch in der Silvesternacht beim Familienurlaub auf Lanzarote. Theresa reagiert genervt: „Deine Neurosen belasten die ganze Familie. Reiß dich endlich zusammen!“ Am Neujahrstag will er es dann offensichtlich seinem Körper zeigen und mit dem Fahrrad den Steilaufstieg nach Fermés schaffen. Es wird nicht nur eine kräftezehrende Angelegenheit, sondern auch eine Fahrt tief in seine eigene traumatische Kindheit.

Hennings Radtour ist die die erste Handlungsebene, währenddessen er über seine Familiensituation und die jüngsten Ereignisse ebenso sinniert wie über seine Herkunftsfamilie. Das alles ist nichts ungewöhnliches, und die unterschiedlichen Leitbegriffe von Henning („funktionieren“) und Theresa („machen“) regen an, über moderne Beziehungen in der heutigen Zeit nachzudenken. Sprachlich prägnant und einfühlsam wie gewohnt entfaltet Juli Zeh diese Themen ebenso wie den eigentlichen Kern der Geschichte. Hennings plötzliche Kindheitserinnerung an die damaligen dramatischen Ereignisse im Haus auf dem Gipfel oberhalb von Fermés. Der Befreiungsschlag (Radtour zum Gipfel) führt zum Urgrund des Unzulänglichkeitsgefühls (kindliches Unvermögen). Vielleicht ist das die psychologische Deutung – sicher bin ich mir nicht. Schon gar nicht bin ich überzeugt, ob der Schluss die Rettung oder nur eine Ersatzhandlung ist.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: btb, München
Jahr: 2018
Seiten: 192
Rezension von HK am 23.01.2020

Stephan Reinbacher

Stephan Reinbacher: Rheingau-Höllen

Elisa, Phantombildzeichnerin beim LKA, bekommt Besuch von ihrer lange nicht gesehenen Studienfreundin Eveline. Die bittet sie, ein Phantombild von einem Handyfoto zu zeichnen – angeblich als Spaßaktion für eine Hochzeit. Doch kurze Zeit später ist dieses Bild als Fahndungsaufruf nach einem Vergewaltiger auf Facebook zu sehen und dann wird der Abgebildete, in Wirklichkeit Prof. Michael Schwan, in der privaten Hochschule Oestrich-Winkel erstochen aufgefunden. Elisa ist hochgradig verdächtig, entzieht sich der Verhaftung und versucht, mit Hilfe ihres Freundes Silviu (Kameramann bei Privat-TV) die verschwundene Eveline zu finden und die Sache aufzuklären. Gleichzeitig befragen sie Angehörige des Ermordeten und stoßen dabei auf einen Geheimbund von angesehenen Persönlichkeiten, die sich der „Korrektur“ als zu mild empfundener Gerichtsurteile gegen Straftäter verschworen haben. Sehr schnell wird Elisa jetzt nicht nur von der Polizei gesucht, sondern gerät auch ins Visier dieses gefährlichen Bundes.

„Atemlos durch den Rheingau“ hätte man diesen Krimi auch nennen können. Oestrich-Winkel, Eltville, Geisenheim, Hattenheim, Erbach, Kiedrich (waren sie auch in Rüdesheim?) – kaum ein Ort des Rheingaus wird bei dieser Schnitzeljagd ausgelassen. Wenn man auch einige Redundanzen hätte weglassen können (wie oft springt Elisa aus einem Fenster, um Verfolgern zu entgehen?), wird die Spannung bis zum dramatischen Finale hochgehalten. Nebenbei werden wunderbare Landschaftsbilder des Rheingaus gezeichnet und sympathische Bewohner/innen dieser schönen Gegend präsentiert. Garniert mit der Liebesgeschichte zwischen Elisa und Silviu sowie deren beider Sorge um Elisas Mutter, die sich vor Alzheimer fürchtet, ist es rundum ein schöner Krimi.

Land: Deutschland
Genre: Krimi
Verlag: emons, Köln
Jahr: 2019
Seiten: 256
Rezension von HK am 22.01.2020