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Deniz
Ohde

Deniz Ohde: Streulicht

Die Ich-Erzählerin besucht ihren Vater im Elternhaus im Umfeld des Frankfurter Industrieparks Höchst. Ihre Mutter war in der ländlichen Türkei als ungewolltes und ungeliebtes Kind aufgewachsen, folgte irgendwann ihrer Schwester nach Deutschland, lernte dort ihren Mann kennen, bekam eine Tochter, trennte sich vom Mann, versorgte ihn aber häuslich weiter, zog wieder ein, als dessen Vater starb und starb selbst an einem Hörsturz. Ihr Vater war Industriearbeiter, hat 40 Jahre lang in derselben Firma Aluminiumbleche in Lauge getaucht, zeigt „Hilflosigkeit bei allem, was darüber hinausgeht“, war während der Ehe unbeherrscht und gewalttätig (aber immer nur gegen Sachen, nicht gegen Frau und Tochter), lebt nun zurückgezogen, raucht und trinkt zu viel, neigt zum Messie, weil er alles aufheben muss. Sehr hellsichtig allerdings charakterisiert er die Ehe des deutschen Arbeiters mit einer gebürtigen Türkin: „Wir werden hier unter ständiger Beobachtung stehen.“ Und diese Erfahrung prägt die Kindheit und Jugend der Tochter. Unsere Ich-Erzählerin, aufgrund von Aussehen und Vorname sofort als Nichtdeutsche identifiziert, durchlebt alle Facetten der Diskriminierung von Verächtlichmachung, Beleidigung, Tätlichkeiten auf dem Schulhof bis hin zur Ausgrenzung durch Lehrer/innen, die nicht hinhören, verstehen und fördern wollen, sondern lieber reflexhaft auf falsche grammatische Artikel reagieren und eher von zu viel Schulbildung abraten – „sie müsse ja sicher zu Hause viel helfen“. Eigentlich ein Wunder, dass ihr ein erfolgreiches Studium ebenso gelingt wie ihren Schulfreund:innen Pikka und Sophia. Die beiden bilden das rein deutsche Kontrastprogramm (und heiraten auch am Ende), sind wirkliche Freunde und frei von rassistischen Abwertungen – allerdings so frei, dass sie die Wahrnehmung der Ich-Erzählerin nicht glauben können „Das bildest du dir ein“, sagte Sophia.

Das ist ja ein autobiografischer oder zumindest stark so beeinflusster Roman. Wenn auch nur ein Teil dessen stimmt, wie sich die Lehrkräfte verhalten – also etwa Ende der 1990er, Anfang der 200er Jahre, dann fall ich vom Glauben ab, dass ein solcher „Herr Kaiser“ noch sanktionsfrei an hessischen Schulen unterrichten können sollte. Aber man muss es wohl ernst nehmen – dieses lähmende (und zum Teil unsichtbare) Gift der Diskriminierung: „Jede Anfeindung spielte sich zwischen den Zeilen ab und war immer schon verschwunden, wenn ich sie ansprechen wollte.“ Die Geschichte dieses klugen, aber stillen, dieses beharrlichen, aber schüchternen Mädchens zeigt, wie schwer die doppelte Last (sog. Migrationshintergrund und Arbeiterkind) den eigenen selbstbestimmten Weg hemmt. Atmosphärisch sehr dicht, geradezu mit allen Sinnen spürbar, setzt Deniz Ohde die Geschehnisse, die Wohnungen, die Klassenzimmer, das Milieu in Szene. Man sieht Bilder und versteht – und bewundert die Protagonistin. Jedoch öfters waren mir die Reihungen der Erinnerung zu assoziativ (huch, wovon und von wem ist nun die Rede?) und hinderten das Leseverständnis. Aber lesen muss man diesen instruktiven Roman unbedingt.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Suhrkamp, Berlin
Jahr: 2020
Seiten: 284
Rezension von HK am 26.05.2021
Roman
(284 Seiten)
Deutschland