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Mithu
Sanyal

Mithu Sanyal: Identitti

Die 23jährige Nivedita ist an der Heine-Universität in Düsseldorf im Masterstudiengang Intercultural Studies / Postkoloniale Theorie eingeschrieben. Als Tochter eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter vergöttert sie ihre exzentrische Professorin Saraswati, mit all ihrer wissenschaftlichen und biografischen Authentizität eine Koryphäe des Kampfes der People of Colour (Poc) gegen die White Supremacy. Doch dann erfolgt der Paukenschlag. Saraswati ist keine PoC, sondern weiß, stammt aus Karlsruhe und heißt in Wirklichkeit Sarah Vera Thielmann. Ein Shitstorm und eine Aburteilung durch die antirassistische Szene brechen über sie herein. Für Nivedita, für die Saraswati nicht nur wissenschaftlich-politische Instanz, sondern auch persönliches Vorbild war, bricht eine Welt zusammen. Als Nivedita Saraswati (auf deren Wunsch in ihrer Wohnung in Düsseldorf-Oberbilk) besucht, trifft sie keineswegs auf eine zerknirschte oder schuldbewusste Frau, sondern eine offensive und mit allen argumentativen Wassern gewaschenen Apologetin ihres Handelns. Hinzu kommen Niveditas Cousine Priti, die eine Affäre mit Saraswatis Bruder Konstantin hatte, der wiederum die Wahrheit über Saraswatis Biografie öffentlich machte. Deren Debatten sind eine wilde Mischung aus Gesprächen über Wünsche nach Anerkennung, Enttäuschungen, Hoffnungen und Trauer (inkl. gegenseitiger Abrechnungen) einerseits und Reflexionen über Konzepte des Menschseins anderseits.

Dabei wird sicherlich auch diskursiv geübten Menschen beim Lesen der Kopf schwirren hinsichtlich der Frage, was an menschlicher, ethnischer, biografischer, geschlechtlicher und was auch immer Identität denn nun naturwissenschaftliche Realität und was soziale Konstruktion ist. Und folglich, was an eigener Identitätskonstruktion denn erlaubt und was kulturelle Aneignung ist. Mein Fazit zur Botschaft des Buches: Diese Postkoloniale Theorie – so sehr sie einen wichtigen Beitrag zum Kampf gegen Diskriminierung leistet – ist selbst eine ziemliche (und wacklige) Konstruktion. Das sind dann auch die eher schwer lesbaren Teile des Romans. Die Protagonist*innen mit ihren biografischen und Beziehungsproblemen treten nur selten farbig ausgeleuchtet in den Erzählstrom. Wer also fesselnde Lebensgeschichten für das ins Buch Versinken auf der Couch sucht, wird eher woanders fündig. Wer in die spannende und nicht unkomplizierte Lebenswelt junger, aufmerksamer und humanistisch gesinnter junger Menschen in heutiger Zeit eintauchen will, ist bei diesem flott geschriebenen Roman genau richtig. Sowohl die angefügte Literaturliste als auch der in die Erzählung integrierte Hinweis auf die rassistischen Morde von Hanau bezeugen die Wichtigkeit dieser aktuellen Debatten.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Carl Hanser, München
Jahr: 2021
Seiten: 432
Rezension von HK am 31.07.2021
Roman
(432 Seiten)
Deutschland